Hamburg. Optisch erinnert die Szene fast ein bisschen an die Muppet Show: Zwei Frauen in Ganzkörperkostümen mit riesigen Pelzkragen unterhalten sich über die Identität der Frau. Die Kostüme symbolisieren Vaginas, die Szene ironisiert das Erfolgsdrama "Die Vagina-Monologe", und der Text, den die Thalia-Schauspielerinnen Susanne Wolff und Judith Rosmair in der Elfriede-Jelinek-Inszenierung "Ulrike Maria Stuart" sprechen, sind komprimierte Ausschnitte aus einem Gespräch in der Zeitschrift "Emma" zwischen den österreichischen Dramatikerinnen Jelinek und Marlene Streeruwitz. Und da liegt das Problem.

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Nachdem sich bereits im Vorfeld der Premiere die Publizistin Bettina Röhl öffentlich beschwert hatte, in dem Stück über ihre Mutter Ulrike Meinhof diffamierend dargestellt zu werden, flatterte dem Thalia-Theater jetzt ein weiteres Anwaltsschreiben ins Haus. Die in Wien und Berlin lebende Autorin Marlene Streeruwitz fühlt sich durch ihren unfreiwilligen "Auftritt" in "Ulrike Maria Stuart" ebenfalls beleidigt und fordert nun eine Unterlassungserklärung.

"Ich fühle mich geschmäht und reduziert", erklärt Streeruwitz gegenüber dem Abendblatt. "Nicolas Stemann ist es unbenommen mit anderen Texten zu machen, was er will, solange er meinen Namen und meinen Text nicht instrumentalisiert und mich als Sexualorgan verdinglicht." Sie sei "keine durch öffentliches Steuergeld subventionierte Person, wie dies etwa Politiker sind", so Streeruwitz weiter. "Für mich ist es daher besonders rufschädigend durch die Verwendung meines Namens in Kontexte gestellt zu werden, deren selbst- und fremdverachtende Klamaukisierung sowohl an meinem Werk als auch an meinen politischen Auffassungen gänzlich vorbeizielt."

Ludwig von Otting, Thalia-Geschäftsführer, reagiert einigermaßen genervt: "Das ist das zweite Mal in Folge der Versuch von jemandem, um den es in diesem Stück überhaupt nicht geht, uns den Richter auf den Hals zu hetzen", sagt er und bezeichnet den Vorgang als "völlig lächerliche Attacke". Dass Streeruwitz nicht nur den Vorwurf der Beleidigung erhebt, sondern auch Urheberrechte auf den zitierten Text geltend macht - und 5000 Euro für die Verletzung verlangt - hält von Otting für "absurd": "So etwas ist unserer Ansicht nach gar nicht schützbar. Um Urheberrechte geltend zu machen, muss ein Text eine gewisse Gestaltungshöhe haben." Die Beleidigung kann das Theater nicht nachvollziehen: "Das ist eine zulässige satirische Zuspitzung über die Rolle der Frau in der Kunst."

Das sieht Marlene Streeruwitz anders. "Das sind Burschenschaftsscherze", findet die Schriftstellerin und hat in Bezug auf die Ironisierung starke inhaltliche Vorbehalte: "Die ,Vagina Monologe' sind ein Text, der sich des genauen Gegenteils der hier gewählten Darstellung bedient. Die ,Vagina Monologe' wollen die Verdinglichung der weiblichen Geschlechtsorgane aufheben. Und hier ist es natürlich eine Überhöhung - und damit eine noch größere Schmähung. Das ist in jeder Hinsicht unerträglich." Verärgert ist Streeruwitz zudem darüber, dass Regisseur Stemann zehn Jahre alte Aussagen verwendete - "Ich entwickele mich schließlich weiter!" - und dass er nicht um Zustimmung bat: "Das Copyright hätte angefragt werden und eine Zusammenarbeit daraus entstehen können."

Dem Thalia-Theater droht nun eine einstweilige Verfügung. Am morgigen Mittwoch steht "Ulrike Maria Stuart" wieder auf dem Spielplan. Bis jetzt in ungekürzter Fassung. "Solange wir nicht zum Gegenteil gezwungen werden", so von Otting, "bleibt die Szene drin."