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Kultur & Live

Der Auftritt der alten Damen

TANZTHEATER Pina Bausch gastiert mit "Kontakthof" auf Kampnagel.

Hamburg. Beide haben vorher nie auf der Bühne gestanden, bis Pina Bausch unter mehr als 100 Bewerbern Inge Glebe (69) und Renate Nickisch (65) ausgewählt hat. Für die Senioren-Version ihrer mittlerweile berühmt gewordenen Neueinstudierung des 1978 uraufgeführten Tanztheaters "Kontakthof". Es ist ein Stück über Kampf und Liebe zwischen den Geschlechtern, über die Nähe von Zärtlichkeit und Gewalt. Heute und morgen ist die auch in Berlin, Weimar und Amsterdam gefeierte Aufführung zu Gast beim Laokoon-Festival auf Kampnagel. "Ach, Frau Glebe, kneifen sie doch ein bisschen fester in den Oberschenkel", ermutigte Pina Bausch bei den Proben Laienakteurin Glebe. Sie hatte anfangs echte Probleme, einem fremden Partner forsch an die Leiste zu fassen oder in seiner Nase zu bohren. Was auf sie wirklich zukommen sollte, ahnte die 69 Jahre alte kaufmännische Angestellte, Hausfrau und Mutter dreier Kinder nicht. Aber ermuntert durch Tochter Petra, meldete sie sich 1999 auf die Annonce "Damen und Herren ab 65 gesucht". Auch für Mitspielerin Renate Nickisch - damals gerade in Rente - wurde nichts aus dem Ruhestand. "Ich wollte Pina Bausch kennen lernen. Und ich war überrascht von ihrer Geduld und Warmherzigkeit. Mit einfachen Worten und Gesten erklärt sie, was sie möchte - und es funktioniert." Die profilierten Bausch-Tänzerinnen Beatrice Libonati und Jo Anne Endicott haben den Löwenanteil der Arbeit geleistet, in vielen Stunden dem untrainierten Ensemble - darunter etlichen Ehepaaren - Disziplin, Rhythmus und Gruppengeist beigebracht. "Am Anfang waren wir eine Hammelherde, wir redeten viel zu viel, und jeder wollte Regie führen", erinnert sich Inge, die zu den Proben 129-mal die 100 Kilometer von Nümbrecht nach Wuppertal hin und zurück gefahren ist. Sie und Renate sind sich einig: "Eine wunderbare Erfahrung: Wir fühlen uns fit, haben aber auch einen wacheren Blick für den anderen bekommen, die Gestik und den körperlichen Ausdruck", erklärt Renate. Aber am meisten gab Bausch ihr und all den anderen Selbstvertrauen: "Wenn sie es verantworten kann, dann wird das schon stimmen." Alle Zweifel waren wie weggeblasen, als Renate in die Schneiderei bestellt wurde: "Da wusste ich: Pina glaubt an uns, weiß, dass wir es schaffen, sonst würde sie uns nicht die schönen Seidenkleider machen lassen." Die Reaktionen nach den Aufführungen belohnten Inge für alle Mühe: "Wir sind eine Art Vorbild geworden für die Alten, die doch oft resignieren: Wenn ihr das könnt, können wir das auch." Und Renate freute sich, von über 40-jährigen Jungen zu hören: "Jetzt brauchen wir vorm Alter keine Angst mehr zu haben." Kontakthof von Pina Bausch am 31. 8. und 1. 9., 19.30 Uhr, Kampnagelfabrik Halle k6, Jarrestraße 20. Restkarten Sonnabend ab 16 Uhr unter Telefon 27 09 49 49.

 

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