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Kultur & Live

Polizeipräsidium: Verhör-Szenen am realen Schauplatz

Jedes Kind kann Lotta sein

Hamburg. Gewöhnlich beobachten Kommissare in Kriminalfilmen durch die verspiegelte Glasscheibe Kollegen beim Verhör. Die freie Theatermacherin Judith Wilske macht bei ihrem Projekt "Ermittlungen im Fall Lotta Jessen" im Polizeipräsidium Alsterdorf die Zuschauer zu Zeugen. Sie können - nach Kartenkauf und Ausweiskontrolle - im ersten Stock des Gebäudes der Wirtschaftspolizei die Befragung von Lilly Jessen durch die Polizistin Cora Leitner verfolgen: Durch Lillys anonymen Brief wurde ihre Adoptivschwester Dagmar, genannt Lotta, verwahrlost und fast verhungert im Keller des Einfamilienhauses aufgefunden.

Kindesmisshandlung beschäftigt derzeit Gesellschaft, Medien und Politiker. Der ungewöhnliche Theaterabend beleuchtet konkret einen Fall und die unglücklichen Verstrickungen, wie es dazu kommen konnte. Traurige Ironie: Mutter Ela, die sich nichts sehnlicher als eine weitere Tochter wünschte und sie dann verkommen ließ, weil sie ihren Vorstellungen nicht entsprach, ist Kindergärtnerin. Und Vater Carl Krankenpfleger. Für Lilly sind beide keine Monster und Unmenschen wie im öffentlichen Urteil, sondern "die besten Eltern der Welt".

Wilske spiegelt in ihren Performances und Rauminstallationen Wirklichkeit, bearbeitet Romanvorlagen (Einar Schleefs "Gertrud"), inszeniert authentische Atmosphäre, nicht falsches Theater. Es kommt im nüchternen Amtsraum erst gar nicht auf - trotz Wilskes zweifellos künstlerischer Gestaltung. Die Erzählung "Kleine Schwester" vonBorger/Straub nach einem wahren Fall ist ihre Vorlage. Und in der 15 Jahre alten Schülerin Svea Benzing am Gymnasium Klosterschule, die ihr auf der Straße begegnete, fand die Regisseurin eine ideale Protagonistin. Sie macht sich die traurige Geschichte einer fremden Familie zu eigen, erzählt sie völlig ungekünstelt in der ihr eigenen Sprache. Denn was sie der Polizistin (Alexandra Schauwienold) verschweigt, erfährt der Zuschauer in Monologen - wird zum wissenden und schweigenden Komplizen gemacht, der ebenfalls nicht eingreift. Bei der Beschreibung der "Nachtszene" im Dunkel nimmt die Spielerin nämlich durch die Scheibe mittels Taschenlampe Kontakt zum Publikum auf.

Lilly will die Eltern nicht "verraten", aber auch ihre Schwester retten. Den Konflikt versucht sie zu lösen, scheitert aber. Beim Schreiben eines Hilfebriefes an ihre Tante erwischt sie die Mutter. Ihr Aufsatz "Ein Mensch, der mich beeindruckt hat" ist eine verschlüsselte Botschaft an die Lehrerin, wird aber nur benotet. Letzter Ausweg ist die Polizei. Nun kommt Lilly in eine Pflegefamilie. Als zweites Kind. "Ich bin Lotta."

Wilske spiegelt Realität in ihren Performances, inszeniert authentische Atmosphäre, nicht falsches Theater.

  • Ermittlungen im Fall Lotta Jessen 2.-5.11., 7., 9.-12.11., 20 Uhr, Polizeipräsidium Hamburg (U Alsterdorf), Bruno-Georges-Platz 1, Treffpunkt Foyer, Personalausweis mitbringen, Tickets zu 15, erm.10 Euro bei allen Vorverkaufsstellen und Tel. 0180/59 69 00 00.

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