"Ein Glück, dass ich nach wie vor Musik mag"
Ganz privat: Karsten Jahnke - Leidenschaften, Wendepunkte, Marotten. Wer ist der Mann, der seit 45 Jahren Konzerte plant? Ein Gespräch über Jugend, Jazz, Geld, Pannen und seine Liebe zu Irland.
Hamburg. Tausende Konzertbesucher halten Tickets in Händen, auf denen sein Name steht. Auch das Reeperbahn-Festival, wo vom 21. bis 23. September 200 Bands in Kiez-Klubs spielen, wird von Karsten Jahnke mitveranstaltet. Das Abendblatt sprach mit ihm "ganz privat".
ABENDBLATT: Welches war Ihr erstes Konzert, an das Sie sich erinnern können?
KARSTEN JAHNKE: Das war 1953, Posaunist Kid Ory in der Ernst-Merck-Halle. Das war ein Superkonzert. Wir standen alle auf den Stühlen. Dann ging es Schlag auf Schlag: Sidney Bechet, Lionel Hampton, Ella Fitzgerald. Wir waren ja ausgehungert damals. Da meine Eltern große Operettenfans waren, habe ich mich für Jazz entschieden.
ABENDBLATT: Musik, um gegen das Elternhaus zu revoltieren?
JAHNKE: Nein, meine Eltern haben das absolut akzeptiert. Das war nicht Krieg oder so. Jazz war nicht da, um sie zu ärgern. Man musste sich einfach absetzen. Das ist schwierig für die Jugend heute. Die meisten Eltern haben ja dermaßen viele interessante Platten unterschiedlicher Musikrichtungen im Schrank. Da ist es nicht mehr so einfach, sich gegen die Eltern musikalisch abzugrenzen. Aber deshalb gibts ja immer neue Musik, mit der sich die Jugendlichen selbstverwirklichen können.
ABENDBLATT: Was ist die größte Mitgift, die Sie von Ihren Eltern mitbekommen haben?
JAHNKE: Ich war ein Glückspilz. Ich merkte, dass ich von meinen Eltern sehr geliebt wurde. Mein Vater war Lehrer, ein äußerst guter Pädagoge. Ich bin ihm sehr dankbar, denn ich wollte schon als Lehrling Veranstaltungen machen. Das hätte 250 Mark gekostet. Er sagte: "Von mir kriegst du die nicht." Eine gute Lehre, denn mit geliehenem Geld Konzerte zu veranstalten ist nicht so sinnvoll. Man muss immer davon ausgehen, dass man es auch verlieren kann.
ABENDBLATT: Was bedeutet Ihnen denn Geld?
JAHNKE: Ohne Geld ist eine Firma nicht am Leben zu erhalten, aber ich habe noch nie Leute bewundert, von denen man sagt: Der ist hundertfacher Millionär. Das finde ich völlig uninteressant. Ich bin kein Dagobert, der sagt: Juhu, im Keller ist der Stapel jetzt schon so und so hoch.
ABENDBLATT: Wie würden Sie sich einem Unbekannten gegenüber beschreiben?
JAHNKE: Ich bin ein relativ ruhiger Vertreter, ich bin nach wie vor sehr begeisterungsfähig. Ich habe vielleicht einen Fehler: Ich bin zu gutmütig.
ABENDBLATT: Eine Eigenschaft, die Ihr Umfeld zum Rasen bringt?
JAHNKE: Dadurch, dass ich Jazzmusik so liebe, mache ich manchmal Tourneen, bei denen ziemlich voraussehbar ist, dass man damit Geld verliert. Ich glaube schon, dass das einige Mitarbeiter ärgert. Sie haben ja nicht Unrecht.
ABENDBLATT: Haben Sie eine Konstante, an die Sie glauben - Religion oder ein Grundwert?
JAHNKE: Ich bin fest davon überzeugt, dass es einen Gott gibt. Ich bin kein gläubiger Christ, sodass ich nun pausenlos in die Kirche müsste, aber ich halte die Kirche für sehr wichtig. Für viele Menschen gehts gar nicht ohne Religion, sonst könnten sie viele Schicksalsschläge nicht überwinden.
ABENDBLATT: Welches menschliche Schicksal hat Sie in letzter Zeit besonders berührt?
JAHNKE: Gute Freunde von mir haben jetzt ihr drittes Kind verloren. Ohne ihren Glauben hätten die das nicht gewuppt. Wenn die Kinder vor einem sterben, das ist schon ein extrem hartes Schicksal.
ABENDBLATT: Viele Menschen sagen ja, der wichtigste Moment im Leben ist die Geburt ihrer Kinder. Stimmen Sie zu?
JAHNKE: Es war mindestens genauso schön, als mein Enkel geboren wurde. Ich muss fairerweise sagen: Ich habe mehr von ihm als von meinen zwei Söhnen. Wenn der Enkel zu mir kam, war halt Enkeltag. Als meine Söhne klein waren, musste ich arbeiten. Mein Enkel ist jetzt 19. Ich hoffe ja, dass er in die Firma einsteigt.
ABENDBLATT: Die Musik hat Sie geprägt. Gibt es einen Song oder Künstler, der Sie Ihr Leben lang begleitet hat?
JAHNKE: Wenn man so viele Künstler vertritt, ist es schwierig zu sagen: Der ist der Beste. Es ist kein Geheimnis, dass meine Lieblingsmusik Jazz ist, aber ich mag genauso gerne Rock, Blues, die ganzen Liedermacher, Chansons, Kabarett. Das Einzige, wo ich keine Ahnung habe, ist Klassik. Ideal ist die Zusammenarbeit mit einem Künstler, wenn er auch als Mensch nett ist. Herman van Veen ist so ein Ausnahmekünstler. Wir arbeiten seit Anfang der 70er zusammen. Es gibt natürlich auch viele sehr unangenehme Künstler-Persönlichkeiten. Da sollte man dann den Mut haben, mit denen nicht weiterzuarbeiten.
ABENDBLATT: Entdecken Sie immer noch neue Bands für sich?
JAHNKE: Ich hab das große Glück, dass ich nach wie vor Musik mag. Es gibt viele in der Branche, die mögen keine Musik mehr. Ich finds toll, wie im Augenblick die ganzen Musik-Stile wiederkommen. Junge Bands spielen 60er-Jahre, sie spielen 70er-Jahre. Aber die haben das für sich entdeckt. Das ist das Entscheidende.
ABENDBLATT: Gehen Sie noch oft auf Ihre eigenen Konzerte?
JAHNKE: Ich habe ein bisschen zurückgeschaltet. Früher war ich auf jedem Konzert von uns.
ABENDBLATT: Gehen Sie auch zu Lotto King Karl?
JAHNKE: Lotto - das is' Pflicht.
ABENDBLATT: Im Rückblick: Was war Ihre größte Panne?
JAHNKE: Wir hatten eine Veranstaltung in Bad Segeberg. Woodstock-Revival on tour. Ein Paket mit Joe Cocker als Headliner. Der sollte um halb neun auftreten. Auf einmal hörte ich vom Manager: "Joe Cocker kann nicht auftreten." Kurz vorher war die Loreley abgefackelt worden, weil Grace Slick nicht aufgetreten war. Da wird man aschfahl. Wir sind ins Hotel gerannt. Ich weiß nicht, was für Drogen Cocker genommen hatte. Der war völlig fertig. Wir haben ihm Unmengen Flüssigkeit eingeflößt und ihn tatsächlich auf die Bühne bekommen. Es war fürchterlich, aber die Leute haben gesehen, er ist da. Die haben ihn nicht mal ausgepfiffen. Aber hätte ich den nicht auf die Bühne gekriegt, dann wär' richtig Zoff gewesen. Am Tag danach in Düsseldorf, da spielte er wieder göttlich.
ABENDBLATT: Klingt nach einem anstrengenden Job. Treiben Sie zum Ausgleich Sport?
JAHNKE: Nein, aber seitdem ich arbeite, mache ich jedes Jahr mindestens vier Wochen Urlaub am Stück.
ABENDBLATT: Können Sie gut loslassen vom Berufsalltag?
JAHNKE: Da habe ich kein Problem mit. Ich kann im Urlaub einen unangenehmen Anruf entgegennehmen und kann mich dann wieder an den Kartentisch setzen und weiterspielen oder in den Garten gehen und Gras cutten.
ABENDBLATT: Irland ist ein Sehnsuchtsort für Sie, dort haben Sie ein Haus. Wie kams dazu?
JAHNKE: Ende der 60er habe ich die Dubliners zum ersten Mal gehört. Luke Kelly war der beste Folksänger aller Zeiten. Ich erinner' noch das erste Konzert in der Musikhalle. Eine unvorstellbare Stimmung. Es brodelte. Und dann singt der den Song von den Moorsoldaten, The Peat Bog Soldiers. Und als ob man "Stopp" sagt, war es mucksmäuschenstill. Der Mann hatte eine Bühnenpräsenz . . . unwahrscheinlich! So ist meine Begeisterung entstanden. Seit 1976 fahr ich regelmäßig in den Urlaub nach Irland. Das ist meine zweite Heimat. Diese mindestens 25 verschiedenen Grüns . . . Die Iren sind Mordstypen. Man hat Spaß. Die sind relaxed, können das Leben genießen, die sind nicht so Jammerbüttel.
ABENDBLATT: Fällt da die Rückkehr nach Hamburg schwer?
JAHNKE: Nee, nee, gar nicht. Ich möchte da nicht leben. Wenn ich fünf Wochen in Irland war, muss ich wieder ins Theater. Oder ins Konzert.



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