Fabrik: Young German Jazz Night
HAMBURG. Standard ist nicht alles. Es darf auch einiges mehr sein. Siegfried Loch und sein Label Act demonstrieren mit der 2005 gestarteten Reihe Young German Jazz, dass der junge deutsche Jazz viele Stimmen hat, dass er undogmatisch ist, kreativ und locker mit sehr verschiedenen musikalischen Traditionen umgeht - und einige außergewöhnliche Talente hat. Einen Eindruck davon gibt die Young German Jazz Night mit vier Kurzkonzerten heute in der Fabrik.
Das beste Beispiel für das Potenzial des Nachwuchses ist der Pianist Michael Wollny (Jahrgang 1978), dessen Trio Wollny/Kruse/Schaefer mit der Premiere seines zweiten Albums das Konzert eröffnen wird. Schon die erste CD ("call it [em]") der drei war eines dieser raren Werke, die bei jedem Hören neu überraschen, weil sie unerschöpflichen Reichtum an Ideen und Intuition bergen. Verlässlich ist hier nur das Unberechenbare: dass aus kakophonischem Chaos wohlklingende Ordnung entsteht, dass abrupte Themen- und Rhythmuswechsel die Stücke unerwartete Richtungen einschlagen lassen, dass selbst in disparatesten Momenten des Zusammenspiels der drei exzellenten Solisten (neben Wollny die Bassistin Eva Kruse und der Schlagzeuger Eric Schaefer) die Einheit eines komplexen Miteinanders spürbar ist.
Michael Wollny zeigt, was aus Talent, guter Schule und viel Freiheit entstehen kann. Von seiner Klavierlehrerin in Schweinfurt wurde er zum Geschichtenerzählen ermuntert, war mit 15 am Konservatorium in Würzburg zugelassen und spielte früh im Bundesjazzorchester. Seine erstaunliche Bandbreite wurde in den vergangenen zwei Jahren offenbar: Der Gegenentwurf zu den expressiv-explosiven Ausbrüchen seines Berliner Trios ist die introvertierte Arbeit mit Altmeister Heinz Sauer: der 73 Jahre alte Tenorsaxofonist und der junge Pianist haben zwei Alben eingespielt ("Melancholia", "Certain Beauty"), die konzentrierte Dialoge zweier Menschen sind, die sich (und anderen) etwas zu sagen haben. Das Geheimnis ist Vertrauen und Freiheit: "Heinz gab mir eine Zeile und sagte: ,Spiel's nicht so, wie es da steht!' So musste ich ihm was entgegenstellen", erzählt Wollny. Über die Reihe Young German Jazz sagt er: "Sie schafft ein Bewusstsein dafür, dass wir eine Generation sind, die etwas mitzuteilen hat." Und die Zukunft des Trios? "Uns gibt's noch Jahrzehnte. Auf jeden Fall."















