Hoffnungsträger unter sich
Jazz in Hamburg: Musiker, Klubs, Förderung - ein Soundcheck. In Hamburgs Jazz-Szene wartet allerhand Unerhörtes auf die Fans. Zum Saisonstart ein Soundcheck mit kritischen Anmerkungen (Teil 1).
Hamburg. Ein schwüler Mittwochabend im Univiertel. Boris Netsvetaev werkelt im Hinterzimmer der Pony-Bar für den Soundcheck seiner Band. Unauffällig wie ein Student wirkt der 28-Jährige mit der Pilzkopf-Frisur vor der übertrieben gemusterten 70er-Jahre-Tapete - bis er anfängt zu spielen. Fast ein bisschen revolutionär klingt das, obwohl er an diesem Abend nur wenig Elektro in die Keyboardphrasen mischt, energiegeladen wie ein Freistil-Schwimmer auf den letzten Metern. Nur eine Handvoll Zuhörer findet in das Hinterzimmer - der Klang dringt eben nicht auf die Straße.
Kaum jemand weiß, dass gerade ein Hoffnungsträger der Hamburger Jazzszene eine Gratisprobe gibt. Einer, der in Kürze mit einem Stipendium der Dr.-Langner-Stiftung ausgezeichnet wird, gerade von einem "Gig" aus Portugal zurück ist und mal eben Virtuoses aus Prokofieffs Klavierkonzert verjazzt - "wegen der geilen Melodie".
Hamburgs Jazztalente sind stiefmütterliche Aufmerksamkeit gewohnt. Auch Pianist Jörg Hochapfel (30) bei der "Langen Nacht des Jazz" im Fundbureau. Lang ist sie tatsächlich und keineswegs langweilig, alle zwei Monate eine Gelegenheit auch für Träger nicht-eckiger Brillen, sich im Konzert von drei Hamburger Bands einen Überblick zu ver-schaffen, was sich in der hanseatischen Jazz-Szene tut.
Immerhin zwei Dutzend Interessierte lauschen an diesem Sommerabend in den Sesseln des Underground-Klubs. Alle zehn Minuten donnert die S-Bahn über der Holstenstraße in die psychedelischsten Klänge. Hochapfel gibt trotzdem alles. Schließlich hat auch ihn die Jury der "Langner-Stiftung ausgewählt, weil sie ihm zutraut, sich durchzusetzen" - mit eigenen Projekten, gegen die stilistischen Modellierversuche von Platten-Labels und mit der wichtigsten Voraussetzung jedes Trendsetters: einem eigenen Stil.
Zum ersten Mal vergibt die private Hamburger Stiftung Jazz-Absolventen der Hamburger Hochschule für Musik und Theater, darunter auch Noch-Student und Schlagzeuger Konrad Ullrich, im Herbst eine 5000 Euro starke Finanzspritze. Hamburg kommt in Sachen Jazz-Förderung langsam in die Gänge - und muss es auch.
Berlin hat nicht nur Universal-, Branchenverbände und den Echo-Preis an die Spree gezogen, sondern auch Musikstudenten, die der Konkurrenz in der Hauptstadt um stärkerer experimenteller Anregungen willen trotzen. In München fördert das Label "ACT" regionale Künstler, während die Hamburger Labels "Skip Records" und "Nagel Heyer" bei den hiesigen Jazz-Künstlern meist die Nase rümpfen.
"Die denken, was aus Hamburg kommt, kann nicht gut sein", sagt Netsvetaev aus Erfahrung. "Das ist ein ziemliches Problem dieser Stadt. Dabei gibt es hier Spitzenmusiker."
Die Euphorie-Welle über die Erfolge von Hamburger Popgrößen wie Stefan Gwildis, Annett Louisan oder Regy Clasen versickert bisher, bevor sie den Jazz erreicht. Frankfurt und Köln füttern ihre Jazz-Talente dagegen schon seit Jahren mit Stipendien.
Nur 23 Jazzmusiker studieren zurzeit an der Hochschule für Musik und Theater - seit 1985 Katalysator der Hamburger Jazzszene. Nicht mehr als sechs kann die Hochschule derzeit wegen des engen Etatgürtels pro Semester neu aufnehmen. Selbst die Bremer Hochschule für Künste überbietet Hamburg mit 32 aktiven Jazz-Studierenden. Das im vergangenen Jahr gegründete Jazz-Institut Berlin, ein Zusammenschluss der Hochschule Hanns Eisler und der Universität der Künste, bietet zurzeit 90 Nachwuchs-Jazzern Platz.
Allein die Klubszene an der Elbe gibt in den letzten Jahren weniger Anlass zum Meckern. Seit Al Jarreaus Startrampe, das legendäre Onkel Pö, 1985 schloss und Dennis' Swing Club 2001 folgte, entstanden eine Reihe neuer Auftrittsmöglichkeiten für einheimische Jazzmusiker: Neben Hamburgs Vorzeige-Jazzclub Birdland laden etwa das Planet Subotnik und die Pony-Bar zu wöchentlichen Sessions oder Konzerten, der Stage Club bietet jede Woche Jazz-Sessions in schickerer Bar- Atmosphäre und das Stellwerk befriedigt als reine Konzertbühne alle, die Jazz nicht nur nebenbei hören wollen.
Auch der Jazztrain im September, und die Jazztage im Oktober in der Fabrik locken mit Hamburger Jazzgrößen - bezeichnenderweise von Jazzvereinen initiiert, nicht von der Stadt Hamburg.
Der Haken an der Sache: Das Hamburger Publikum zeigt sich ausgehfaul. "Die Leute sind nicht bereit, Geld für Live-Musik auszugeben", sagt Netsvetaev. "Sie zahlen lieber zehn Euro Eintritt für die Disco. Live-Musik ist un-cool. Das ist in anderen Städten Europas ganz anders." In London zum Beispiel, wo DJs und Jazzbands die Disko-Kids gemeinsam auf Trab bringen.
Doch nicht nur die oft gerügten Ausgehmuffel der Kaufmannsstadt und die Sparmaßnahmen der Stadtväter bringen die Jazz-Kultur der Hansestadt mitunter in Grabesnähe, ein anderes Problem kommt aus der Jazz-Szene selbst: Nur wenige Musiker gucken über den stilistischen Tellerrand Hamburgs - ein ernsthaftes Problem, lebt doch Jazz per natura vom musikalischen Austausch.
Ist schon der Weg zum Stellwerk in Harburg vielen Hamburger Musikern zu lang, so "interessiert es sie einfach nicht, was sich zum Beispiel im Ruhrgebiet tut", kritisiert Heiko Langanke. Im vergangenen September eröffnete der Dortmunder den Jazz-Klub mit ehrenamtlichen Mitarbeitern, ohne einen Gang zur Kulturbehörde. Ein Mann, der mit seinen vielen Kontakten in die Jazzhochburgen Köln und Essen eigentlich wichtiger sein sollte.
Regionale Bigbands wie die der TU Harburg spielen in seinem Programm ebenso wie Championsleague-Größen des Jazz, etwa das Thibault Falk Quartett. Doppelkonzerte von Hochschulbigbands aus Essen und Hamburg sind geplant. "Tauscht euch aus!" ist Langankes Rezept für die Hamburger Jazz-Szene - mit einem harten Urteil: "Hamburg benimmt sich wie eine Insel. Die Stadt ist für viele ein weißer Fleck auf der Jazz-Landkarte. Früher haben die Leute noch keinen Jazz studiert, die Musiker waren lange nicht so gut ausgebildet. Aber sie wussten, was sie spielten und warum."
Teil 2 folgt




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