"Er scheint nicht zu wissen, wieso er das verschwiegen hat"
Günter Grass: Ulrich Wickert befragte den Autor zum späten Bekenntnis seiner Waffen-SS-Vergangenheit. Vor der heutigen Ausstrahlung des Interviews sprach der Hamburger TV-Moderator mit dem Abendblatt über die zentralen Fragen und seine Eindrücke.
Hamburg. Keine hölzerne Bank, keine Tomatenstauden im Hintergrund, kein kleines, symbolträchtiges Zwiebelhäufchen auf dem Tisch. Nur Wasser, einige Bücher, zwei rote Ledersessel. Das erste Fernsehinterview, das Günter Grass gibt nach seinem heftig diskutierten Eingeständnis, er sei bei Kriegsende zur Waffen-SS gegangen, findet in seriösem Rahmen statt. Für die Premiere seiner neuen Literatursendung "Wickerts Bücher" befragte Noch-"Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert den Nobelpreisträger auf der dänischen Insel Moen zu seinem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" und zur aktuellen Debatte. Wegen der (meteorologischen) Schlechtwetterlage fand das Gespräch nicht vor Grass' Ferienhaus, sondern auf der Veranda eines nahe gelegenen Hotels statt. Es wird heute Abend um 22.45 Uhr in der ARD gesendet.
ABENDBLATT: Herr Wickert, Sie haben am Dienstag ein ausführliches Interview mit Günter Grass geführt. Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?
ULRICH WICKERT: Einen nachdenklichen.
ABENDBLATT: Wirkte er müde? Erleichtert?
WICKERT: Ich habe einen Günter Grass erlebt, der sich selbst viele Fragen stellt. Es ist ein sehr ernstes Gespräch, das wir führen, es handelt sich ja auch um ein sehr ernstes Thema.
ABENDBLATT: Welche Fragen waren für Sie an zentraler Stelle?
WICKERT: Es gab zwei zentrale Fragen: Warum hat er so lange geschwiegen? Und: Hat er persönliche Schuld auf sich geladen?
ABENDBLATT: Und wurden diese Fragen zufriedenstellend beantwortet oder blieben sie offen?
WICKERT: Eine der beiden Fragen hat er sehr ausführlich und sehr klar beantwortet und eine Frage so, dass man merkt, dass er sich selbst noch viele Fragen stellt. Im Augenblick scheint er nicht zu wissen, warum er das verschwiegen hat.
ABENDBLATT: Wann lag Ihnen sein neues Buch vor?
WICKERT: Ich habe es Ende Mai als Manuskript bekommen.
ABENDBLATT: Und wann hatten Sie es gelesen?
WICKERT: Im Juni.
ABENDBLATT: War Ihnen sofort die Brisanz der Textstelle klar, in der Günter Grass über seine Zeit bei der Waffen-SS schreibt?
WICKERT: Die Brisanz war mir klar. Die unglaubliche Dimension, die das jetzt ausgelöst hat, habe ich nicht gesehen. Ganz abgesehen davon habe ich mich an den Sperrvermerk gehalten. Das Buch sollte nicht vor dem 1. September besprochen werden, ich habe das Manuskript unter dieser Maßgabe erhalten, daran habe ich mich gehalten. Sonst hätte man natürlich viel früher berichtet. Interessant finde ich übrigens, dass außer mir ja noch viele andere Kollegen das Buch auf dem Schreibtisch hatten und es offenbar nicht gelesen haben.
ABENDBLATT: Und wie hat Ihnen das Buch - unabhängig von diesem Thema - gefallen?
WICKERT: Es ist eine sehr intensive Lektüre über einen Mann, der sich wegen der Verführung durch die Nazis quält.
ABENDBLATT: Sie waren schon am Montag in Dänemark. Haben Sie da ein Vorgespräch mit Günter Grass geführt? Kannte er Ihre Fragen?
WICKERT: Nein. Er kannte das Thema: das Buch und die aktuelle Diskussion. Ich halte grundsätzlich nichts davon, Vorgespräche inhaltlicher Art zu führen, wenn jemand das Thema kennt. Fragen erwachsen ja auch aus den Antworten. Er würde dann vielleicht auch zu sehr darüber nachdenken. Ich finde, das muss schon spontan sein.
ABENDBLATT: Gestern konnte man Spekulationen lesen, nach denen Grass einer Enthüllung durch Dritte zuvorkommen wollte, es ging dabei um Stasi-Unterlagen und Dokumente der Wehrmachtsauskunftsstelle. Haben Sie ihn danach gefragt?
WICKERT: Nein. Diese Geschichte kam erst später am Tag heraus, da war das Interview schon aufgezeichnet. Aber er sagt ja, dass er drei Jahre an dem Buch gearbeitet hat. Aber etwas anderes ist interessant, das ergibt sich auch aus dem Interview: In seinem Buch schildert Grass, wie er in der Nachkriegszeit seine Eltern wiedergefunden hat. Wie über das, was passiert ist, als die Russen nach Danzig kamen, geschwiegen wurde. Man weiß nicht, ob die Mutter vergewaltigt wurde, man weiß nicht, ob die Schwester vergewaltigt wurde. Ja, hat Grass gesagt, man hat über diese Dinge nicht gesprochen. Ich habe ihn gefragt, ob das ein Zeitphänomen gewesen sei, und er bestätigt das. Er sagt, er habe ganz lange gebraucht, bevor er "Im Krebsgang" schreiben konnte, wo die Vertreibung thematisiert wird. Ich habe ihn gefragt, ob das Schreiben des Buches über die Vertreibung vielleicht der Schlüssel war, jetzt auch hierüber zu schreiben. Und Grass hat geantwortet: Vielleicht.
ABENDBLATT: Was halten Sie von der Aussage, Grass habe sich den Nobelpreis "erschlichen"? Es gab sogar Forderungen, ihn - wie auch die Ehrenbürgerschaft von Danzig - zurückzugeben.
WICKERT: Das sind Dinge, zu denen ich nun wirklich keine Stellung nehmen möchte.
ABENDBLATT: Wie bewerten Sie die sehr emotional geführte Debatte?
WICKERT: Das rührt natürlich daher, dass Günter Grass selbst immer wieder sehr heftig und sehr deutlich Stellung bezogen hat. Ich habe ihn zu den Aussagen von Frau Knobloch (der Präsidentin des Zentralrats der Juden, die erklärt hatte, Grass' langjähriges Schweigen führe "seine früheren Reden ad absurdum", d. Red.) und Lech Walesa befragt und ihn auch mit seinen Äußerungen zu Bitburg konfrontiert.
ABENDBLATT: Und wie reagiert er darauf? Was sagt er dazu?
WICKERT: Er hat die Fragen alle akzeptiert, es sind ja Fragen, die man stellen muss, das weiß er.
ABENDBLATT: Warum ist Ihrer Meinung nach die Empörung so groß?
WICKERT: Es gibt für mich drei Gründe. Zum einen kennen die meisten Leute das Buch ja gar nicht. Es ist aber wichtig, den gesamten Text im Zusammenhang zu kennen, weil man dann nämlich auch sein Ringen mit sich mitkriegt. Das Zweite: Er selbst hat kräftig Leute angegriffen, dafür gibt es jetzt die Rache. Und das Dritte: Er wird jetzt, was unsachlich ist, in den Zusammenhang gebracht mit all den grässlichen Taten, den Verbrechen und Massakern, die die Waffen-SS begangen hat. Er wird jetzt für alles verteufelt, was die Waffen-SS insgesamt war.
ABENDBLATT: Glauben Sie, dass es sich bei der Debatte um ein Gewitter handelt, das sich wieder verzieht, oder ist Günter Grass nun dauerhaft beschädigt?
WICKERT: Ich glaube, dass diese Debatte eine langfristige Diskussion auslösen wird um die Erinnerungskultur und um die Verführbarkeit junger Menschen in Diktaturen.
ABENDBLATT: Was halten Sie denn von Vermutungen, wie sie in manchen Artikeln angedeutet wurden, die ganze Geschichte sei "eine zwischen Grass, Wickert und der FAZ inszenierte Promotion-Aktion unter guten Bekannten"?
WICKERT: Ich lache. Und gebe weiter, was Herr Schirrmacher (Mitherausgeber der FAZ, d. Red.) der Autorin dieses von Ihnen zitierten Artikels gesagt hat: Vermutlich ist Herr Grass nur in die Waffen-SS eingetreten, damit wir etwas zu promoten haben!




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