"Ich möchte hinter die Dinge schauen"
Ganz privat: Leidenschaften, Wendepunkte, Marotten. SHMF-Intendant Rolf Beck über seine Erziehung, sein ungeliebtes, aber nützliches Jura-Studium und über Gott und das Transzendentale.
HAMBURG - Das Interview hatte er kurzfristig zwischen seine anderen Termine gequetscht. Denn Rolf Beck, Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals, hat seit dem 15. Juli wieder alle Hände voll zu tun - als Strippenzieher, Botschafter der Niederlande, die diesmal das Festival-Schwerpunktland bilden, sowie als Chordirigent. Kommende Woche stellt er das Projekt "Mozart 1791 - Wege zum Requiem" vor, das er mit der SHMF-Chorakademie erarbeitet hat.
ABENDBLATT: Welches Verhältnis haben Sie zu Mozart?
ROLF BECK: Er verfolgt mich seit meiner frühesten Jugend, ich hatte meinen ersten Klavierunterricht bei meinem Vater, der allerdings Physiker war, aber meinte, seinem Sohn mit fünf Jahren das Klavierspielen beibringen zu sollen. Da ging es schnell zu Mozart.
ABENDBLATT: Und was fasziniert Sie an Mozart?
BECK: Na ja, was fasziniert an Mozart? Man spürt das Genie in den Noten. Er hat Musik geschrieben, die ewig interessant bleibt. Aber die Auseinandersetzung mit der Musik von Bach ist für mich eigentlich noch viel tiefgreifender. Es gibt ein Werk, die h-Moll-Messe, da kann man zehn Leben leben und hat das Stück immer noch nicht in all seinen Dimensionen verstanden.
ABENDBLATT: Gab es einen Wendepunkt in Ihrem Leben?
BECK: Ich bin ja mit einem Jura- und einem Kapellmeister-Studium ausgestattet. Der Wendepunkt war eindeutig, als ich endlich mein Diplom als Kapellmeister in der Hand hielt und die Stelle des Intendanten der Bamberger Symphoniker bekam. Ich habe das Juristische nie gemocht.
ABENDBLATT: Woher kam die lange Phase der Indifferenz?
BECK: Das ist einfach erzählt. Mein verehrter Vater, der mir Klavierunterricht gab - in sehr frühen Jahren und sehr ehrgeizig -, hat dann, als ich Musik studieren wollte, gesagt: "Nein, es gibt kein Geld." Also habe ich meinen Schulfreund angerufen und gefragt: "Was machst du eigentlich?" Er sagte: "Jura." Und ich hab' gefragt: "Und wo?" "In Marburg." "Okay", habe ich gesagt, "das mache ich auch." Ich bin nach Marburg gegangen, habe Jura studiert, mir aber gleich einen Chor gesucht.
ABENDBLATT: Und wie kamen Sie dann doch zur Musik?
BECK: Ich habe das erste Juraexamen gemacht, nach meinem Referendariat das zweite, war dann ein Volljurist und wußte, daß es keine Station gibt, die mir wirklich Spaß machen könnte. Doch ich hatte Glück. In meinem Chor sang ein Rechtsprofessor mit, der mir sagte: "Ich weiß, du bist nicht glücklich, ich gebe dir eine Assistentenstelle, bis du etwas gefunden hast." Ich bekam über Umwege eine Stelle beim Deutschen Musikrat in Bonn als Geschäftsführer der Verbindungstelle für internationale Beziehungen. So habe ich mich langsam in die richtige Richtung bewegt. Ich durfte nebenher bei Helmuth Rilling in Frankfurt studieren und nach und nach Examen machen. Und dann kam die Geschichte mit dem Diplom.
ABENDBLATT: Wie sind Sie zum (Chor-)Singen gekommen?
BECK: Das Lustige ist, daß ich selber ganz fürchterlich singe, aber andere Dirigenten sind auch keine großen Sänger. Ich habe eine gewisse Affinität zur Chorliteratur, zur Deklamation, zur gesungenen Linie.
ABENDBLATT: Singen Sie unter der Dusche?
BECK: Ich glaube nicht (lacht).
ABENDBLATT: Sie sind Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals, Leiter des Bereichs NDR Orchester und Chor sowie Chorleiter in Personalunion. Liegt Ihnen das, mehreres zugleich zu machen?
BECK: Mein Vater war im Alter sehr unglücklich, weil er dachte, er hätte etwas falsch gemacht mit mir, dadurch daß er mich nicht hat Musik studieren lassen. Das hat er nicht, und das habe ich ihm auch immer gesagt. Dirigent sein ist schön, aber ich würde es nicht ausschließlich machen wollen. Die beiden Sachen zusammen sind genau richtig. Ich möchte auch nicht ausschließlich am Schreibtisch sitzen.
ABENDBLATT: Was bedeutet Ihnen Geld?
BECK: Im Beruf bin ich, glaube ich, sehr akkurat und darauf aus, daß wir Vorgaben einhalten, mehr Einnahmen erzielen und nicht in ein Defizit kommen. Privat ist es zwar nicht das Gegenteil, ich habe gern Geld, aber es bedeutet mir nicht so viel. Ich bin auch kein Mensch, der sich stundenlang um Aktien kümmert.
ABENDBLATT: Welche Mitgift Ihrer Eltern schätzen Sie besonders?
BECK: Ich bin in den letzten Kriegstagen geboren, meinen Vater habe ich zum ersten Mal mit vier Jahren gesehen, er war lange in Gefangenschaft. Meine Mutter mußte sehen, wie sie die Familie durchbringt. Bei uns zu Hause herrschte ein eisernes Regiment. Das prägt. Wir wurden streng und zielbewußt erzogen. Das Leben war einfacher, wenn man in der Schule gut war. Es war nicht einfach, hat aber auch nicht geschadet. Man mußte sich durchsetzen.
ABENDBLATT: Hat Sie das in Ihrem Berufsleben geprägt?
BECK: Irgendwie schon. Ich bin ja nicht motiviert als Jurist angetreten. Aber es war überhaupt keine Frage, daß ich das mache und durchstehe, auch wenn es mir nicht gefiel.
ABENDBLATT: Welches Talent ist neben dem Dirigieren und neben Ihrer Tätigkeit als Manager Ihr größtes?
BECK: Menschen zu begeistern und zu einer Zusammenarbeit zu motivieren.
ABENDBLATT: Mit welcher Marotte bringen Sie Ihr Umfeld zum Rasen?
BECK: Ich kann, glaube ich, sehr ungerecht und sehr hart sein im Moment - entschuldige mich aber dann am nächsten Tag aus vollem Herzen.
ABENDBLATT: Gibt es etwas, womit Sie andere überraschen können?
BECK: Wenn ich Zeit hätte, würde ich meinem alten Hobby nachgehen und meine Modelleisenbahn aufbauen.
ABENDBLATT: Was sollen die Leute mal über Sie sagen?
BECK: Eine gemeine Frage! Da möchte ich aber mal den sehen, der nicht sagt, daß die Leute nur Gutes sagen sollen! Also, ich wünsche mir, daß irgend etwas bleibt. Ich möchte erreichen, daß wir in Hamburg und Schleswig-Holstein ein wunderbares Miteinander hinbekommen. Und ich wünsche mir, daß man erkennt, welche Chancen die Ausblicke ins Baltikum bieten.
ABENDBLATT: Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Musikmanager und Dirigent geworden wären?
BECK: Vielleicht Pastor.
ABENDBLATT: Woran glauben Sie?
BECK: An Gott. Und an die christlichen Werte.
ABENDBLATT: Welches menschliche Schicksal hat Sie in letzter Zeit besonders berührt?
BECK: Der unerwartete Tod eines guten Freundes. Wenn Sie in einem Beruf sind, wie ich es bin, haben Sie sehr viel mit jungen, fröhlichen Leuten zu tun und denken sehr selten an die Endlichkeit des Lebens. Wenn dann ein solcher Einschlag kommt, hält man an und überlegt.
ABENDBLATT: Wenn Sie viel Zeit hätten, worüber würden Sie gern mehr wissen?
BECK: Wenn ich viel Zeit hätte, würde ich mich mit philosophischen Fragen beschäftigen.Ich würde hinter die Dinge schauen, die ich musikalisch mache. Mein Leben lang beschäftige ich mich mit Requiem-Vertonungen. Ich würde gern mal über die Frage des Todes, der Wiedergeburt, des Transzendentalen nachdenken - ausgehend davon, daß ich diese Themen durch meine musikalische Arbeit immer wieder berühre, aber aus der christlichen Sicht. Ich möchte das mal etwas universeller angehen.
ABENDBLATT: Wann haben Sie das letzte Mal geweint?
BECK: Das ist gar nicht lange her, nach einem sehr bewegenden Konzert am Karfreitag in Warschau. Aber ich habe dann schon gewartet, bis ich beim Umziehen war.
ABENDBLATT: Worüber ärgern Sie sich?
BECK: Ignoranz, Arroganz und unverhohlen vorgetragene Dummheit.
ABENDBLATT: Und was macht Sie glücklich?
BECK: Glücklich macht mich beruflich, wenn ich mit Leuten zusammenarbeiten kann, die ein Team bilden; ein Wir-Gefühl zu entwickeln wie im Privatleben. Guter Wein kann mich auch glücklich machen, oder ein schöner Urlaubstag.
ABENDBLATT: Was ist Ihnen peinlich?
BECK: Wenn ich irgendwo hinkomme und deplaziert bin, nicht mitreden kann.
ABENDBLATT: Gibt es ein tägliches Ritual, auf das Sie nicht verzichten möchten?
BECK: Den morgendlichen Kaffee.
ABENDBLATT: Machen Sie Sport?
BECK: Der wichtigste Sport, den ich mache, ist das Dirigieren (lacht). Nein, ich habe ein kleines Trampolin zu Hause, das ich regelmäßig benutzte. Das ist eine sehr angenehme Art, sich fit zu halten, ohne daß man sich überstrapaziert.
ABENDBLATT: Hören Sie dabei Musik?
BECK: Ja, irgendwelche Divertimenti oder Klaviermusik von Chopin. Oder ich schaue fern.
ABENDBLATT: Von wem kam Ihr bisher schönstes Lob?
BECK: Es war kein ausgesprochenes Lob. Es war das Spüren, von einer Persönlichkeit wie Günter Wand als Freund und Partner akzeptiert zu sein.
ABENDBLATT: Welche Kulturleistung bewundern Sie?
BECK: Nach wie vor ist für mich die Musik Bachs die größte Kulturleistung.
ABENDBLATT: Von welcher Kultursparte haben Sie keine Ahnung?
BECK: Viel zuwenig von der Bildenden Kunst. Da habe ich ein Defizit. Leider.
ABENDBLATT: Wen würden Sie gern kennenlernen?
BECK: Ich hätte gern Gustav Mahler kennengelernt und ganz viele Fragen an ihn.
ABENDBLATT: Zum Beispiel?
BECK: Wie sein Verhältnis zum Tod und zur Ewigkeit ist.




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