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Kultur & Live

Die rätselhafte Verlockung des Fremden

Oliver Bottini: Hoffnungsträger des deutschen Kriminalromans

Hamburg. Als vor zwei Jahren der Kriminalroman "Mord im Zeichen des Zen" erschien, kannte nahezu niemand den Namen des Autors. Oliver Bottini? Achselzucken. Das sollte sich schnell ändern. Der Roman erhielt den Deutschen Krimipreis und schaffte den Sprung auf die Krimiwelt-Bestenliste. Bottini avancierte nicht nur zum Liebling vieler Kritiker, sondern er verkaufte sich auch: Bislang rund 15 000 Exemplare setzte der Verlag im Hardcover ab, 35 000 im Taschenbuch. Für einen deutschen Krimiautor, zumal einen Debütanten, stolze Zahlen. Auch der Nachfolger "Im Sommer der Mörder" steht dem kaum nach.

Am Anfang war das Bild. Deutlich sah er es vor sich: Der Mönch, in eine lange Kutte gekleidet, wie er durch den tiefen Schnee des südlichen Schwarzwalds stapft. Aus einer Wunde sickert Blut. "Dieses Bild war einfach da", erzählt Oliver Bottini. Ein Bild des Kontrasts, der Mönch in der Schwarzwald-Idylle. Einer Idylle, die sich als trügerisch erweist. "Es ist auch ein Bild größtmöglicher Einsamkeit, der Mönch in seiner vollkommen inadäquaten Kleidung in der kalten Fremde."

Es ist ein eindringliches Bild, mit dem "Mord im Zeichen des Zen" beginnt. Die Geschichte, die nahe Freiburg startet, rankt sich später um ein buddhistisches Kloster am Fuße der Vogesen. Dorthin führt auch die Spur des Mönches. Und dort kulminiert die Handlung - es geht um eine dubiose Hilfsorganisation, die asiatische Kinder an europäische Familien vermittelt.

Das Interesse für den Buddhismus hat Bottini, 1965 in Nürnberg geboren und heute in München lebend, bereits in seiner Jugend entwickelt. "Ich habe damals die Bücher von Jack Kerouac gelesen, bei dem ja viel Buddhismus vorkommt." Die Initialzündung kam mit Mitte zwanzig, als ihm die "Einführung in den Buddhismus" von Daisetz Suzuki in die Hände fiel. "Ich habe zwar wenig verstanden", räumt Bottini ein und lacht nicht, sondern lächelt. Denn er ist ein stiller, ein in sich konzentrierter Mensch. "Aber ich habe eine faszinierend andere Welt entdeckt." Kurz darauf begann er, bei einem thailändischen Buddhisten Kung Fu zu lernen und so die Lehre des Buddhismus zu verstehen. "Ich hatte nie vor, Buddhist zu werden und bin auch heute keiner, die Faszination aber blieb." Die Verlockung des Fremden, das Rätselhafte, das ihm innewohnt.

Buddhismus und Kriminalroman - geht das zusammen? Für Bottini kein Problem. "Bei allem, was ich zuvor geschrieben hatte, schlich sich immer automatisch ein Spannungselement ein, ein Verbrechen oder auch eine Leiche. Der Krimi steckte schon in mir, aber ich mochte mich wohl noch nicht dazu bekennen." Bottini lächelt wieder. Da war noch der studierte Literaturwissenschaftler vor. Das spätere Angebot einer befreundeten Lektorin, einen spirituellen Kriminalroman zu schreiben, lehnte er zwar ab. Entschied sich aber, seinem ersten Roman einige buddhistische Elemente einzuverleiben - und die im fiktionalen Sinne realistische Geschichte in Freiburg und im deutsch-französischen Grenzgebiet zu plazieren.

Eine Entscheidung, die Bottini nicht bereut hat, denn das Krimigenre bietet ihm, wie er sagt, "unendliche viele Möglichkeiten". Zum Beispiel die, eine unkonventionelle Heldin zu erfinden. Louise Boni` heißt sie, ist Hauptkommissarin bei der Kripo Freiburg und Alkoholikerin, seit sie vor Jahren einen Menschen erschossen hat. Boni` ist die Heldin auch in Bottinis "Im Sommer der Mörder", der im Juni und Juli auf Platz eins der Krimiwelt-Bestenliste rangierte.

"Ich wollte eine versehrte Figur erfinden." In seinem weiteren familiären Umfeld hat er Erfahrungen mit einem Alkoholiker gesammelt, der seit sechs Jahren nicht mehr trinkt. Louise Boni` zählt zu den interessantesten Heldinnen des neuen deutschen Kriminalromans - aus einfühlsamer Distanz heraus schildert Bottini sie ungemein prägnant und lebensnah. "Ich habe aber nicht das Gefühl, daß ich eine besondere Begabung habe, eine Frau zu charakterisieren." Bottini ist ein bescheidener Mensch. Frauenversteher? "Überhaupt nicht!" Da muß er beinahe lachen.

In "Im Sommer der Mörder" hat Louise Boni` wenig zu lachen. Eine Hitzeglocke liegt wie festgeschraubt über dem Breisgau. Als in der kleinen Ortschaft Kirchzarten auf einer Weide ein Holzschuppen in die Luft fliegt, ahnt zunächst niemand, daß unter dem Schuppen ein Waffenlager versteckt war. Die Spur führt zunächst auf den Balkan, später nach Pakistan. Dabei muß Boni` nicht nur gegen äußere Feinde kämpfen, sondern auch gegen die Dämonen, die auf Boni`s innere Schwächen lauern, um sie zum Alkohol zu verführen.

Bottinis Roman hält souverän die Balance zwischen einer Gelassenheit des Erzählens und dem melancholischen Grundton der Geschichte. Stärker noch als im Debüt spinnt er einen raffinierten Plot, die dynamische Handlung und lebendigen Charaktere sind zu einem atmosphärisch dichten Netz geknüpft.

"Ich überarbeite Szenen sehr häufig. Das zieht sich über Tage hin." Um schreiben zu können, benötigt Bottini ein funktionierendes Umfeld, in dem die Dinge ihre Ordnung haben, keine täglichen Kämpfe. "Denn ich empfinde das Schreiben als sehr, sehr anstrengend, es kostet mich viel Energie."

Bottini ist ein Hoffnungsträger des deutschen Kriminalromans. Seine Ziele? Er überlegt. Noch einige Bücher schreiben, sagt er bescheiden. Und dann: "Ich lebe einen Traum." Da lächelt er wieder.

 

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