"Veränderung beginnt mit Kritik"
Netzwerk Recherche: Jahreskonferenz in Lokstedt. Mehr als 600 Journalisten diskutieren über Ethik, Qualität und Zukunft ihres Berufsstands.
HAMBURG. Mehr als 600 Journalisten kommen zum fünften Jahrestreffen des Netzwerks Recherche auf das TV-Gelände des NDR in Lokstedt. Vorsitzender der Organisation ist Thomas Leif.
ABENDBLATT: Was erwartet die Teilnehmer am Wochenende?
THOMAS LEIF: Ein Highlight wird sicher die Eröffnungsveranstaltung am Freitag sein. Mathias Döpfner, Chef des Hauses Springer, wird über seine publizistischen Leitlinien sprechen. Der Sonnabend beginnt mit grundlegender Journalismuskritik durch Frank A. Meier, den Chefpublizisten vom Ringier-Verlag. Mittags verleihen wir die "Geschlossene Auster" an ein Unternehmen, dem wir vermitteln wollen, daß restriktive Informationspolitik nicht toleriert werden darf.
ABENDBLATT: Sie wollen Themen diskutieren wie "Realitätsverlust im TV-Journalismus", "Defizite im Wissenschaftsjournalismus", "Ist das Fernsehen noch zu retten?", "Ausbildungsmisere", "Ex- und Nixperten in den Medien", "Agenturhörigkeit". Das klingt, als sei Journalismus in Deutschland ein einziges Debakel . . .
LEIF: Es geht nicht darum, miesepetrig zu sein, sondern darum, Mängel zu definieren, damit es besser wird. Veränderung beginnt mit konstruktiver Kritik.
ABENDBLATT: Sie beschuldigen Journalisten mangelnder Qualität in der Recherche.
LEIF: Wir sehen die Lage differenzierter. Es gibt höchste Qualität in der Spitze, auch im europäischen Vergleich, aber in der Breite - gerade im Geschäft der Massenmedien - auch viele Defizite. Dort zahlt man wenig Honorar und mutet den Kollegen häufig Mehrfachbelastungen zu. Recherche gilt dort als überflüssiger Kostenfaktor. Wir drängen darauf, daß mehr in Qualität investiert wird.
ABENDBLATT: Gibt es auf Ihrem Kongreß eigentlich auch Ermutigung für gute Arbeit?
LEIF: Klar, Kritik ist ein Geschenk, Ansporn, die Dinge besser zu machen. Wir stellen eine neue Methode der Recherche per Computer vor, die bessere Ergebnisse bringt. Dazu kommen die "Erzählcafes", in denen exzellente Rechercheure mit ihren Storys Mut zum Nachahmen machen.
ABENDBLATT: Was hat das Netzwerk in fünf Jahren erreicht?
LEIF: Wir haben die Bedeutung der Recherche deutlich aufgewertet, ihr wieder Platz verschafft in der Journalisten-Ausbildung und in Fachbüchern. Wir haben klargemacht, welche Bedeutung das Informationsfreiheitsgesetz hat, und mit unserem Medienkodex ein breites Echo bekommen. Damit haben wir überfällige Reformen im Presserat angestoßen. Wir sind die einzig kritische und unabhängige Stimme im Konzert der Berufsverbände. Die Konferenz am Wochenende ist zum unverzichtbaren Termin der Branche geworden, auf dem Journalisten für Journalisten eine Konferenz gestalten. Wir bieten in Hamburg die größte Kontakt- und Informationsbörse für kritischen Journalismus. Wir machen das alle ehrenamtlich, niemand bekommt einen Cent.
ABENDBLATT: Was wollen Sie erreichen?
LEIF: Das Wachstum des Netzwerkes hat die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Es gibt viele Anfragen für Stellungnahmen und Publikationen. Wir werden zu Kongressen geladen, sollen Vorträge halten, an Diskussionen teilnehmen. Das geschieht natürlich auch, weil bei uns - anders als in den von Pressesprechern und PR-Leuten geprägten Gewerkschaften und Verbänden - nur Journalisten arbeiten, Leute, die teilweise jahrzehntelange Berufserfahrung einbringen. Ehrenamtlich ist das auf Dauer nicht mehr zu leisten. Wir müssen versuchen, uns zu professionalisieren, aber ohne die flexiblen und dynamischen Strukturen zu zerstören.



Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




