Gereifte Rebellin
Konzert - Patti Smiths Auftritt im Stadtpark.
Hamburg. Gerade als Patti Smith ein Lied ankündigen will, das ihr besonders am Herzen liegt, kräht ihr ein Zuschauer seinen Musikwunsch entgegen: "Rock 'n' Roll Nigger! Outside Of Society!" Für Sekunden verschwindet der milde Ausdruck aus dem Gesicht der Künstlerin, der bislang ihr Konzert im Stadtpark bestimmt hat. "Prove it, man!", blafft sie zurück. Beweis es! Aber der Zuschauer gibt keine Ruhe, und da gerät Patti Smith in Fahrt. "Du willst ein Rock 'n' Roll Nigger sein? Okay, dann beweise es!" Verantwortung zu übernehmen, die Schwachen zu unterstützen, für den Frieden zu kämpfen, das alles, faucht sie und dabei wird ihre Standpauke immer rhythmischer, ja all das bedeute es heute, außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Und dann geht sie über zu ihrem Herzstück "People Have the Power", geschrieben Ende der 80er. Es ist vielleicht nicht ihr stärkster Song, musikalisch eher ein Gassenhauer und inhaltlich nicht viel mehr als die Losung "Wir sind das Volk". Für europäische Ohren mag das ein wenig oberlehrerhaft klingen, wie so manches, was Patti Smith an diesem Abend kundtut: "Geht zur Wahl! Benutzt euer Stimmrecht!" In Amerika gehört sie damit jedoch zu linken Opposition, ist in Bushs Vereinigten Staaten wieder "outside of society", wenngleich auf andere Weise als zu Beginn der 70er. Als zornige junge Poetin hatte sie in New York angefangen und ihre surrealen Texte zur dilettantischen Begleitung ihrer Band vorgelesen und daraus einen eigenen Stil entwickelt. Ihr Debüt-Album "Horses" zählt zu den bahnbrechendsten der Musik-Geschichte, Patti Smith selbst zur Mutter aller späteren Punk- und Riot-Girl-Bands. So wild und rotzig wie damals ist sie heute nicht mehr. Mit 55 Jahren denkt sie nicht daran so zu tun, als habe sie die ewige Jugend gepachtet. Ihre Band ist ausgezeichnet, der Sound im Stadtpark nicht minder, und Patti Smith, offensichtlich mit viel Spaß bei der Sache, mischt Songs früherer Alben wie "Dancin' Barefoot" oder "Birdland" mit neuem Material, bleibt bei dem zweistündigen Konzert eher sanft und mehr die strahlende Visionärin als die Rebellin. Zum Schluss spielt sie doch noch "Rock 'n' Roll Nigger", wechselt auf dessen Basis über zu einer eigenen Spoken-Word-Kaskade über Frieden und Freiheit, dazu zitiert die Band Riffs aus Jimi Hendrix' "Machine Gun", und weiter peitscht sie den Song voran, wild, laut und schnell wie damals, aber geprägt aus der Sicht von heute. Am Ende zerreißt Patti Smith die Saiten ihrer E-Gitarre. Ein atemloses "Peace!" zum Abschied, dann verschwindet sie. Respekt.



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