NDR Kultur hat "Große Stimmen" abgesetzt
Hamburg. Seit Mitte Februar ist Sendepause. Zumindest für "Große Stimmen" der Opernbühne. NDR Kultur hat sie sang- und klanglos aus dem Programm gestrichen. Ohne Vorankündigung. Nach zwölf Jahren.
Autor Jürgen Kesting, der als Autorität unter den Gesangskunst-Experten gilt, ist mehr als verwundert darüber, wie seine Sendung (die für viele Hörer ein "jour fixe" war) abserviert wurde. "Ich habe keine schriftliche Kündigung erhalten", sagt er. Bei einem Gespräch im vergangenen November habe NDR Kultur-Wellenchefin Barbara Mirow lediglich angekündigt, daß sie die Reihe zu beenden gedenke und den Platz für ein neues Magazin brauche, erzählt Kesting.
Auch Hörer waren überrascht ("seit die Reihe beendet wurde, steht bei mir das Telefon nicht still", so Kesting). "Wir können uns nicht vorstellen, daß der NDR ernsthaft auf Jürgen Kestings Kompetenz und Erfahrung verzichten will", schrieb beispielsweise die Redaktion der "Opernwelt" aus Berlin an Barbara Mirow.
Stach die Sendung etwa zu sehr aus dem Programm-Profil von NDR Kultur heraus? "Nein", erklärt Barbara Mirow. Der Abend sei nach wie vor als Einschaltprogramm konzipiert. Aber warum wurde die Sendung, die längst Kultstatus hatte und NDR Kultur eine individuelle Note gab, gestrichen? "Die Sendung ist zwölf Jahre im Programm gewesen", erklärt Mirow. In 52 mal zwölf Sendungen habe Kesting viele große Stimmen vorgestellt, rechnet sie vor und konstatiert, da gehe jetzt langsam der Stoff aus. "Der Stoff ist endlos", meint hingegen Jürgen Kesting. "Selbst über einem Sänger wie Caruso kann man 30 Folgen machen."
Außerdem, so Mirow, sei es "nach so vielen Jahren nicht nur legitim, sondern sehr wichtig, mal etwas Neues zu machen". "Das ist normale redaktionelle Praxis", sagt sie. Statt "Große Stimmen" gibt es also jetzt andere Formate, unter anderem "Klassik für Neugierige und Liebhaber".
Auch jungen Autoren möchte sie eine Chance geben. Auf einen so bekannten Autor wie Jürgen Kesting wolle sie aber natürlich nicht verzichten. Man habe ihm auch die Frage gestellt, ob er als Autor weiterhin zur Verfügung stehe, so Mirow. "Ich habe kein konkretes Angebot erhalten", widerspricht Kesting. Das seien nur "vage Andeutungen" gewesen, "rein beschwichtigende Bemerkungen".
Man fragt sich: Handelt es sich hier wirklich nur um Mißverständnisse, Kommunikationsschwierigkeiten oder dergleichen?



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