"Sterbehilfe ist ein westlicher Begriff"
Ein Gespräch mit dem Ethnologen Bernd Schmelz über den Umgang mit dem Tod
HAMBURG. Der Vorstoß von Justizsenator Roger Kusch, der im Oktober 2005 im Abendblatt für aktive Sterbehilfe in Deutschland plädierte, hat eine heftige Debatte ausgelöst. Am Montag diskutiert der CDU-Politiker mit Weihbischof Hans-Jochen Jaschke und Autor Ralph Giordano in der Freien Akademie erneut über das Thema. Eine Kontroverse, die Felder von Medizin über Religion und Ethik bis zur Gesetzgebung berührt. Doch wie stellt sich die Sterbehilfe im interkulturellen Vergleich dar? Und was sagt der Umgang mit Tod und Trauer über eine Gesellschaft aus? Wir sprachen mit Bernd Schmelz vom Museum für Völkerkunde.
ABENDBLATT: Existiert im interkulturellen Vergleich ein markantes Beispiel für Sterbehilfe?
BERND SCHMELZ: Bei den Eskimos wurden früher altersschwache Menschen, die mit der Gruppe nicht mehr mitziehen konnten, im Eis zurückgelassen, so daß sie in Ruhe sterben konnten.
ABENDBLATT: Beruhte dieser Akt auf gesellschaftlichem Konsens?
SCHMELZ: Ja, dieser Vorgang war in die Tradition eingebunden und für die alten Menschen selbstverständlich. Sie fühlten sich nicht im Stich gelassen, sondern wußten, daß sie sonst eine Belastung für die Familie wären.
ABENDBLATT: Welche Formen von Sterbehilfe sind noch bekannt?
SCHMELZ: In Afrika gab es die Königsmorde. Im Nil-Bereich brachten Stämme ihren Herrscher um, wenn sie merkten, daß dieser aus Altersschwäche seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen war.
ABENDBLATT: Sind die eben dargestellten Beispiele Einzelfälle?
SCHMELZ: Daß man töten muß, um jemanden vom Leiden zu erlösen, ist mir von den Traditionen anderer Kulturen her nicht bekannt. Sterbehilfe scheint mir ein westlich geprägter Begriff zu sein.
ABENDBLATT: Also ein Phänomen technisierter, medizinisch hochentwickelter Gesellschaften?
SCHMELZ: Ursprünglich haben erstmals alle Kulturen versucht, das Leben zu verlängern. Nicht mit Maschinen, sondern mit den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln. Ein wesentlicher Wandel fand im Laufe der Industrialisierung im 19. Jahrhundert statt.
ABENDBLATT: Durch das Schwinden der Großfamilie ist Sterben bei uns zum isolierteren Akt geworden. Der Tod ereignet sich oft in Kliniken, er wird tabuisiert. Kennen Sie Länder mit einem sozialeren Umgang?
SCHMELZ: Das herausragendste Beispiel ist Mexiko, wo der Tod im Vergleich zu uns eine gegenteilige Bedeutung hat. Er wird eher lustig dargestellt, gefeiert. Daß ist für die Menschen, die vom Sterben bedroht sind, eine ganz andere Hilfe. Die wissen: Wenn ich sterbe, gibt es ein riesiges Fest, zu Hause und auf dem Friedhof. Da wird getanzt, Musik gespielt. Der Tote ist noch mitten drin im Leben, in der Familie. Nichts ist schlimmer für einen Mexikaner, als in der Fremde zu sterben, so daß ihm das entgehen könnte.
ABENDBLATT: Die Art des Trauerns ist charakterisierend für eine Gesellschaft, dazu zählt auch der Kontakt zum Leichnam. Was sagt das über unsere Mentalität aus, daß wir Menschen kurz nach dem Tod in Kühlkammern verwahren?
SCHMELZ: Das ist ein Problem unserer Gesellschaft, daß Trauerarbeit nicht mehr richtig stattfindet. In Lateinamerika ist es immer noch weit verbreitet, daß ein Toter zu Hause aufgebahrt wird, so wie bei uns früher in der Diele. Verwandte, Freunde, Ortsansässige kommen. Dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen ist nur ein Nebenaspekt. Wichtiger ist, die Angehörigen zu begleiten. Man ist die ganze Nacht zusammen. Da wird nicht nur gejammert. Man unterhält sich, spielt auch, zum Beispiel mit Würfeln.
ABENDBLATT: Wo liegt für Sie der Kern der aktuellen Debatte?
SCHMELZ: Es ist ein christliches Problem. Die Befürworter sagen, Sterbehilfe sei human. Die Gegner berufen sich auf die Wurzeln des Christentums, wo nur Gott über das Sterben bestimmen darf. Knackpunkt ist, daß beide Seiten überzeugt sind, human zu handeln. Aus diesem Dilemma führt kein hundertprozentiger Weg heraus. Man wird nur einen Kompromiß finden können.



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