Dienstag, 14. Februar 2012, 17:37

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Kultur & Live

"Weil Liebe das Gegenteil von Haß ist"

Liebesdrama: Sally Potter über ihren Film "Yes". Eine Amerikanerin verliebt sich in einen Moslem: Warum die britische Regisseurin diesen Stoff verfilmt hat.

Sally Potter begann mit dem Drehbuch zu ihrem Film "Yes" am 12. September 2001, direkt nach den Terror-Anschlägen auf die USA. Im Zentrum steht die Liebesgeschichte zweier Emigranten in London: einer US-Molekularbiologin, die mit einem englischen Politiker verheiratet ist (Joan Allen), und eines libanesischen Arztes, der in England als Koch arbeitet (Simon Abkarian). Zunächst reizt die Liebenden ihre unterschiedliche Herkunft . . . "Yes" ist ein sinnlicher und kluger Film. Das Besondere: Die Schauspieler sprechen ausschließlich in Versen. Die Sprache ist jedoch modern und völlig ungekünstelt.

ABENDBLATT: Sie wollen mit Ihrem Film kulturelle und religiöse Unterschiede untersuchen. Warum in Form einer Liebesgeschichte?

SALLY POTTER: Weil die Liebe der absolute Gegensatz zum Haß ist, der sich nach dem 11. September weltweit entwickelte. Um Gewalt zu vermeiden, muß man sich für die Hoffnung entscheiden, trotz der vielen schlechten Dinge, die man sieht.

ABENDBLATT: Ihre Protagonisten tragen keine Namen. Sie und Er stehen für gegensätzliche Welten: Wissenschaft und Religion, Christentum und Islam, weiße und farbige Einwanderer. Welcher Gegensatz beeinflußt die Beziehung des Paares am meisten?

POTTER: Die Welt der Frau besteht aus Phänomenen, die wir mit rationalem Denken erfassen können. Er kommt aus einer Gesellschaft, die auf ihrer Religion und anderen Werten basiert. Allerdings ist nichts, wie es scheint, und niemand hat nur eine Seite. Es stellt sich heraus, daß sie sehr katholisch geprägt ist; ihr Band zum Glauben hat sich nur gelockert. Und er ist nicht nur ein impulsiver, sondern auch ein sehr nachdenklicher Mensch. Dieser Konflikt zwischen Materialismus und Glauben belastet ihre Liebe am meisten.

ABENDBLATT: Wobei Er kein sehr religiöser Mensch zu sein scheint.

POTTER: Eines der Klischees, die aufgebrochen werden müssen, ist die Vorstellung, daß alle Araber Fundamentalisten oder auch nur Muslime sind. Natürlich gibt es sehr viele Angehörige anderer Religionen und Nichtgläubige darunter. Aber selbst wenn Er nicht gläubig ist, findet er sich in einer Position wieder, in der er den Glauben verteidigen muß. Einfach weil der Glaube allgemein angegriffen wird.

ABENDBLATT: Die Idylle ist von kurzer Dauer. Nachdem Er zur Zielscheibe seiner christlichen Kollegen wird, erinnert ihn plötzlich alles an seiner Geliebten an seine Erniedrigungen als Exilant.

POTTER: In der Szene ihres großen Streits, die ich übrigens zuerst schrieb, entwickelt sich in dem Moment ein Machtkampf, in dem beide die inneren Konflikte des anderen aus den Augen verlieren. Er ist nun hin- und hergerissen zwischen Faszination und Ekel für diese blonde Amerikanerin. Dieses Phänomen kann man oft bei Menschen beobachten, die nicht weiß sind - eine besonders subtile Form des Imperialismus: Das Bild der weißen Frau wird auch in ihrer Welt als Ideal hochgehalten. Natürlich können die Frauen ihrer eigenen Kulturen da nicht mithalten. In dieser Szene wendet sich seine Aggression gegen sie, einfach weil sie die einzige Weiße ist, die ihm zuhört. Die einzige, der er sagen kann, wie es für ihn ist, in der heutigen britischen Gesellschaft zu leben.

ABENDBLATT: Früher haben Sie als Sängerin mit Versen improvisiert. Fiel Ihnen das Reimen beim Schreiben des Drehbuchs zu "Yes" auch so leicht?

POTTER: An dem Skript saß ich viele Monate. Die Poesie macht den Weg frei zu anderen Formen des Denkens. Darum wird überhaupt gereimt, nicht nur, weil es sich schön anhört. Der Vers ist die älteste und gleichzeitig - mit Rap und HipHop - eine junge Ausdrucksform. Viele Zuschauer merken nicht mal, daß die Schauspieler reimen.

ABENDBLATT: Dennoch assoziiert man mit den Versen die Zeit Shakespeares, insbesondere wenn man Ihren Film "Orlando" im Hinterkopf hat, in dem auch ein bißchen gereimt wurde. Sind Sie ein Fan des elisabethanischen Zeitalters?

POTTER: Eigentlich nicht. Viele Leute haben diese Epoche vor Augen, weil kaum ein Film Sprache in dieser Weise nutzt. Meines Wissens ist "Yes" der erste Film, der in der Gegenwart spielt und ganz in Verse gefaßt ist. Die Verse haben jedoch nichts mit Shakespeare zu tun. Es steckt kein altes Englisch darin, keine komplizierten Wörter. Es ist eine einfache, moderne Sprache.

ABENDBLATT: Sehen Sie sich fremdsprachige Fassungen Ihrer Filme an?

POTTER: Ich vermeide es. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum man nicht Untertitel verwenden kann. Die meisten Menschen, die ins Kino gehen, können lesen. Monatelange Arbeit am Klang der Stimmen - durch die Schauspieler selbst und in der Tonmischung - werden durch die Synchronisation zunichte gemacht.

ABENDBLATT: Was müssen Filme generell haben, die Ihnen gefallen?

POTTER: Ich mag Filme, die mir das Gefühl geben, daß ich aufwache. Die mich daran erinnern, daß ich lebendig bin.

  • Yes ab 5. Januar im Holi und im Koralle-Kino. GB/USA 2004, 95 Min.

  •  

    Artikel versenden

    Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus