"Im Zentrum steht die gemeinsame Arbeit"
Standpunkte: Elmar Lampson im Gespräch. Der Präsident der Musikhochschule muß vor allem die stark veränderte Berufswirklichkeit seiner Studenten berücksichtigen.
ABENDBLATT: Herr Professor Lampson, die Hochschule ist nicht mehr über Gremien organisiert, wo die Professoren und Dozenten jahrelang in den Fachbereichen über ihre Belange entschieden haben, sondern Sie haben als Präsident sehr weitreichende Befugnisse.
ELMAR LAMPSON: Das neue System habe ich nicht erfunden; es ist eine Folge der Hamburger Hochschulreform. Die strategische sowie wesentliche Teile der operativen Leitung liegt jetzt beim Präsidium, das mit klaren Entscheidungskompetenzen ausgestattet ist. Es arbeitet in enger Abstimmung mit dem Hochschulsenat und dem Hochschulrat. Für die Kultur der Hochschule bedeutet dies eine große Veränderung. Die Hochschule befindet sich in einem tiefgreifenden, ganz und gar positiven Umbruchsprozeß.
ABENDBLATT: Mancher Kollege hat das Gefühl, nun werde alles von oben entschieden.
LAMPSON: (lacht)Schade, daß man in einem Zeitungsinterview nicht das Lachen lesen kann. Wie wollen Sie denn mit 750 studentischen Genies und 220 professoralen Genies so kommunizieren, daß jeder sich als Mittelpunkt der Welt fühlt? Aber im Ernst: So eine gravierende Veränderung im Prozeß der Entscheidungsfindung schürt natürlich auch Ängste und Emotionen; das muß man sehr ernst nehmen. Über einen Mangel an konstruktiver Mitarbeit kann ich mich aber überhaupt nicht beklagen.
ABENDBLATT: In Hamburg kursiert ein anonymes Schreiben mit Hochschul-Absender, in dem Ihnen Mafia-Methoden vorgeworfen werden.
LAMPSON: Anonyme Briefe liest man nicht, und Sie werden nicht im Ernst erwarten, daß ich das kommentiere.
ABENDBLATT: Ist die Hochschule in zwei Lager gespalten?
LAMPSON: Den Eindruck habe ich nicht. In der Hochschule wird mit Leidenschaft und in wechselnden Konstellationen um schwerwiegende Entscheidungen gerungen. Da prallen unterschiedliche Sichtweisen schon mal hart aufeinander. Das gehört dazu.
ABENDBLATT: Auseinandersetzungen, in die Sie offenbar auch ziemlich rüde eingreifen, wenn man an den Rausschmiß eines verdienten Hochschullehrers wie den Geiger Winfried Rüssmann denkt.
LAMPSON: In einer sehr schwierigen Situation, in der Aussage gegen Aussage stand, habe ich diese Entscheidung treffen müssen.
ABENDBLATT: Wir können uns aber schwer vorstellen, wie Sie in einer derart emotional aufgeladenen Situation so konstruktiv, wie Sie es behaupten, an der Weiterentwicklung der Hochschule arbeiten wollen.
LAMPSON: Da unterschätzen Sie aber die Professionalität des Hochschulkollegiums! Solchen Konflikten kann man manchmal leider nicht ausweichen. Im Zentrum des Interesses der Hochschulmitglieder steht aber die gemeinsame Arbeit an der Neuorientierung der Hochschule, deren Gremien das Präsidium eindrucksvoll unterstützt.
ABENDBLATT: Wie sieht die Neuorientierung in der Praxis aus?
LAMPSON: Im Zuge der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge stehen alle Studiengänge auf dem Prüfstand. Viele Studiengänge müssen neu auf die sich verändernde Berufswirklichkeit ausgerichtet werden. Jeder, der hier studiert, soll über seine exzellenten künstlerischen Fähigkeiten hinaus etwas von Pädagogik und Musikvermittlung verstehen und mit Existenzgründerfähigkeiten ausgestattet sein.
ABENDBLATT: Läßt sich das so einfach durchsetzen?
LAMPSON: Darüber wird an der Hochschule sehr konstruktiv diskutiert.
ABENDBLATT: Was kommt auf die Studenten zu?
LAMPSON: Verbesserte Studienbedingungen durch neue Praxisprojekte. Auch die Einführung von Studiengebühren wird neue Möglichkeiten bringen. Aber wir wollen nicht nur Studiengebühren einführen, sondern die Studierenden intensiv in die Gestaltungsprozesse einbeziehen.
ABENDBLATT: Können Sie uns dafür ein Beispiel nennen?
LAMPSON: Wir sind dabei, gemeinsam mit den Studierenden besondere Veranstaltungsformate zu entwickeln, die auf konkrete Fragestellungen antworten und mit denen man auch für die Hochschule Geld verdienen kann. So gab es einen Workshop für die Studierenden der Axel-Springer-Journalistenschule mit einer jungen Pianistin der Hochschule. Auch haben sich Kompositionsstudenten mit großem Erfolg am Leitbildworkshop einer norddeutschen Sparkasse beteiligt. Ein anderes großes Projekt ist die Entwicklung von Konzepten für künstlerische Interventionen in Führungsseminaren von Wirtschaftsunternehmen gemeinsam mit der Ausstellung "Dialog im Dunkeln" in der Speicherstadt.
ABENDBLATT: Erhält auch das Hochschulorchester eine andere Gewichtung? Die Examenskonzerte werden von den Hamburger Symphonikern gespielt - muß das sein?
LAMPSON: Das war eine Zeitlang so. Dieses Thema mußte deshalb mit Vorrang behandelt werden. Wir haben gerade eine neue Stelle geschaffen für die ausschließliche Betreuung des Hochschulorchesters.
ABENDBLATT: Wie lautet Ihre Bilanz nach einem Jahr als Hamburger Hochschulpräsident?
LAMPSON: Die Theaterakademie wurde gegründet, und mit Michael Börgerding konnten wir einen ausgezeichneten Direktor gewinnen. Der vom Ehepaar Greve gestiftete Bibliotheksneubau ist in Betrieb genommen worden, und ein neuer Studiengang für Kammermusik wurde eingerichtet. Das Institut für Kultur- und Medienmanagement hat eine enge Kooperation mit dem Fernstudium Hagen aufgenommen, und durch eine sehr große Förderung der "Zeit"-Stiftung können wir das "Studio 21" zu einem unserer Arbeitsschwerpunkte ausbauen. Zudem wurde die Entwicklungsplanung bis zum Jahr 2012 verabschiedet, und schließlich haben wir eine Arbeitsstelle für Strategieentwicklung und interdisziplinäre Zusammenarbeit eingerichtet - um nur einiges zu nennen. Und zum Schluß: Ich habe es noch keinen Tag bereut, dieses Amt übernommen zu haben.



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