Blues ist, wenn es keine Barrieren gibt
Geburtstag: Abi Wallenstein wird 60 Jahre alt
Hamburg. Sein Geburtsdatum erklärt Abi Wallenstein ganz nach Musikerart. "Der Blues hat zwölf Takte und acht Schläge pro Takt." So merke er sich diesen Tag, den 8. Dezember. Jener Tag, an dem er vor 60 Jahren in Jerusalem als Sohn deutschstämmiger Eltern geboren wurde.
Abi Wallenstein ist ein freundlicher Mensch, ruhig wirkt er und bescheiden, wenn er aus seinem Leben erzählt. Etwa wie er 1960 mit seinen Eltern nach Deutschland zog. Und wie er dann fünf Jahre später nach Hamburg kam, eigentlich um zu studieren - Soziologie, wie ihm der Berufsberater geraten hatte. Der Rat, den heute wohl kaum noch jemand erteilen würde, war für Wallenstein schon damals "nicht so ganz das Richtige". Bald brach er das Studium ab, weil er "was mit den Händen machen mußte". So wurde Abi Wallenstein Drucker, Musiker wollte er eigentlich nicht werden, zumindest kein Bluesmusiker, obwohl ihn bereits im Musikunterricht der "Two Nineteen Blues" so fasziniert hatte, daß "eine Saite in mir angeschlagen wurde".
Sie klingt noch immer in ihm. Wer an Hamburg und Blues denkt (was wahrlich keine zwangsläufige Verknüpfung ist), denkt an Abi Wallenstein. Was damals im Dennis Pan am Berliner Tor anfing, führte später etwa zum Ascona Jazz Festival und zu Konzerten im Vorprogramm von Joe Cocker, Daniel Lanois oder Johnny Winter. Aber Abi Wallenstein ist immer auch Straßenmusiker ("Der Asphalt ist die härteste Bühne der Welt") geblieben. Hat er neue Stücke geschrieben, dann probiert er sie schon mal am Mönckebrunnen aus, um zu sehen, wie die Leute reagieren.
Wer den Blues hat, ist entweder ein begnadeter Musiker, oder er ist einfach nur schlecht drauf. Wake up this morning and my baby is gone . . . Bitter. Für Abi Wallenstein hat der Blues jene Tiefe, die die Seele berührt. Und das Publikum. "Ich möchte, daß das Publikum spürt, wie es mir geht. Und ich möchte auch das Publikum spüren." So springt der Funke über, so entsteht ein "erhitztes Klima". Und das bei rund 120 Konzerten im Jahr, zuletzt meist im Trio als Blues Culture.
Das Klima also muß stimmen, denn ein "Gitarren- oder Stimmenvirtuose" sei er nicht, räumt Wallenstein ein. Und auch nicht die klassische Rampensau, die dem Publikum Zucker gibt. Doch irgendwann hat er, der Freddie King als eines seiner Vorbilder nennt, das Introvertierte aufgegeben. Wann das war, weiß er nicht mehr genau, vielleicht, als er lernte, "daß es zwischen Bluesmusikern und Publikum keine Barriere geben darf". Nur diese Schwingung inspiriert ihn. Daß er dabei seine Gitarre auch als "optisches Instrument" einsetzt, ist mittlerweile Bühnenalltag. "Aber nicht so AC/DC-artig . . ." Das wäre dann auch allzu aufdringlich - und nicht mehr typisch Abi Wallenstein.
60 Jahre und ein Wunsch. "Den 61. Geburtstag erleben . . ." Sagt er und lächelt. Hat nicht nur den Blues, der Mann, auch Humor.




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