Kunst und Kartoffeln auf dem Kiez
Linda: Die Erdapfel-Sorte gab einer neuen Galerie den Namen. Elf Idealisten bieten Kreativen auf St. Pauli viel Platz für Ausstellungen. Und die Vernissagen sind eines nicht: öde.
Birgit Reuther
Hamburg
Kartoffeln finden auf dem Kiez meist in einer Form Verzehr: Längs geschnitten und fritiert stärken sie Schwärmer beim Flug durch die Nacht. Doch unweit einschlägiger Pommesbuden hält St. Pauli einen - zuletzt heißumkämpften - Erdapfel in Reinform parat. Zwischen Handyladen und Absackerpinte steht in einem hellerleuchteten Schaufenster auf der Hein-Hoyer-Straße gleich ein ganzer Sack von ihr: Linda.
Jeden Mittwoch verkauft Bauer Stefan Peters im Haus Nummer 13 die Sorte, die der Zuchtbetrieb Europlant jüngst vom Markt nehmen wollte - derzeit zum Vorzugspreis von 1,20 Euro pro Kilo. Zudem hat der Marktbeschicker ökologisch angebautes Obst und Gemüse aus der Region im Sortiment, Kohl und Sauerkraut etwa. Was das mit Kultur zu tun hat? Viel. Denn die geschmackssichere Kartoffel mit der revolutionären Aura steht Patin für ein Projekt, das weit mehr liefert als hochwertige Lebensmittel für den Leib. Was seit der Eröffnung am 9. September auf 120 Quadratmeter Ladenfläche geboten wird, ist vor allem eins: geistige Nahrung. Linda, das ist eine Galerie zwischen Popkultur und sozialem Treff, Podium für junge Kreative und ein Ort für spannende Entdeckungen.
In vier strahlend weiß gestrichenen Räumen stellen im Wechsel von zwei Wochen Künstler ihre Werke aus. Malerei, Fotografie, Grafik. Der Hamburger Arne Bellstorf präsentierte bei Linda sein Comic-Debüt "acht, neun, zehn" - die melancholische Geschichte über den Sommer eines Sitzenbleibers. Noch bis Dienstag zeigt Christian Hückstädt aus Berlin unter dem Titel "Gedanken sagen kurz Hallo und lange Tschüs" hintersinnige Collagen aus Supermarktkartons. "Soviel Platz hatte ich noch nie. Das genieße ich sehr", sagt der 42jährige, dessen Figuren bereits die "Brigitte" und "Zeit" illustrierten.
Ab dem 26. November sind Fotos des Folkwang-Absolventen Henning Maier-Jantzen zu sehen. Ein Termin zum Vormerken. Denn Vernissagen sind bei Linda kein elitäres Herumstehen mit Häppchen an Smalltalk und Gähnen an Lobhudelei. Wenn Hamburger DJs wie Felix Bayer auflegen, ist Privatparty-Atmosphäre garantiert. In einer Nische, in der noch ein Editionsshop mit Arbeiten von Linda-Künstlern Einzug halten soll, stehen knackige Karotten und Äpfel als Snack bereit. Im Türrahmen gegenüber verkaufen Nele Heitmeyer und Petra Lohmann an einer Theke aus Bierkisten Getränke. Die Fotografin und die Comic-Fachfrau haben den Kunstverein mit viel Herzblut ins Leben gerufen - gemeinsam mit Grafikerin Amelie Putzar, Fotograf Oliver Görnandt und sieben weiteren Initiatoren.
Ebenso wie die Linda-Bioware nicht beim Discounter zu haben ist, möchten die Betreiber Exponate jenseits des Mainstreams zeigen. "Kultur findet nicht bloß in großen Häusern statt, sondern muß vom Boden aus wachsen, von unten", klammert Görnandt die Bereiche Landwirtschaft und Kunstmarkt. Das ehrenamtlich arbeitende Team, alle um die 30, sieht sich als Mittler: Sie teilen sich die Miete für den ehemaligen Spirituosenhandel, um Künstlern kostenlos eine Fläche zu bieten.
"Unser Benefit ist die Kommunikation", erläutert Görnandt. "Mittlerweile erhalten wir schon Anfragen aus Tschechien und Japan", sagt Putzar. Begeistert. Auf der Internetseite www.chezlinda.de können sich Anwärter für zwei Wochen Galerie bewerben. Zudem haben typographisch interessierte "Lindalovers" die Möglichkeit, eine Kartoffeldruck-Schrift für den Computer herunterzuladen. Neben Installationen, Lichtkunst und einer Siebdruckwerkstatt im Keller sowie Lesungen und Konzerten ist geplant, mit einem Fest Fördermitglieder zu werben. Was es zu essen geben wird? Kartoffelsuppe. Natürlich.
Vernissage mit Henning Maier-Jantzen: 26.11., ab 20 Uhr. www.chezlinda.de



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