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Kultur & Live

Was Familie lehren kann

Shirley MacLaine: Jetzt gefällt ihr die Weisheit des Alters. "In den Schuhen meiner Schwester": Shirley MacLaine glänzt in der Rolle der klugen Großmutter.

An Ruhestand scheint Shirley MacLaine nicht zu denken. Nach einem halben Jahrhundert in Hollywood ist die 71jährige dreimal in diesem Jahr im Kino präsent. Gerade trat sie in Nora Ephrons "Verliebt in eine Hexe" als exzentrische Diva mit übernatürlichen Fähigkeiten auf. Demnächst wird sie in Rob Reiners "Wo die Liebe hinfällt" zu sehen sein. Jetzt spielt sie mit Cameron Diaz und Toni Collette in Curtis Hansons "In den Schuhen meiner Schwester". Der Film erzählt von zwei ungleichen Schwestern, die aus der Lebensbahn geworfen werden und mit Hilfe ihrer Großmutter (Shirley MacLaine) die eigene Familiengeschichte neu beleuchten.

ABENDBLATT: Sie sind seit 50 Jahren im Filmgeschäft. Wonach suchen Sie sich heute Ihre Rollen aus?

SHIRLEY MACLAINE: Im dritten Akt meines Lebens ging es mir bei diesem Film darum, mich noch einmal zu verändern. Mir gefiel der Schmerz, die Verdrängung und die Erkenntnis, die meine Figur in dieser Geschichte durchlebt. Ich habe wenig Filme gesehen, die sich die Mühe gemacht haben, die Frage nach der persönlichen Identität so klar zu formulieren. Wir versuchen oft zu vertuschen, wer wir sind und woher wir kommen. Dabei sind die Erfahrungen in der Familie die wichtigste Lektion, die wir im Leben lernen.

ABENDBLATT: Haben Sie aus Ihrer eigenen Familiengeschichte auch etwas für diese Rolle gelernt?

MACLAINE: Ich hatte eine kanadische Mutter, das hat geholfen. Sie war zugeknöpft, ich wußte nie, was sie fühlte. Sie war 83, als ihr Nachbar sie in der Garage küßte. Sie wurde rot und wußte nicht, wie ihr geschieht. Meine Eltern waren bis ins hohe Alter eifersüchtig aufeinander.

ABENDBLATT: Die Rentner in Florida, wo Sie den Film gedreht haben, machen einen entspannteren Eindruck . . .

MACLAINE: Viele Leute, mit denen ich dort sprach, waren mit 80 sexuell noch sehr aktiv, und keiner von ihnen wollte heiraten. Sie waren liberal in ihrer Jugend und werden bis zu ihrem Tod liberal bleiben.

ABENDBLATT: Im Gegensatz zu Ihrer letzten Rolle in "Verliebt in eine Hexe" distanzieren Sie sich in diesem Film ganz gezielt vom Image der Diva . . .

MACLAINE: Ich habe oft die Rolle der extravaganten Mrs. Robinson gespielt. Die Weisheit des Alters steht mir heute besser. Die Zurückhaltung, die meine Rolle erforderte, hat mich gereizt. In einem Land, das vor großen Problemen steht, in dem die Leute eine tiefe Sehnsucht nach Wahrheit haben und sich fragen, warum sie tagtäglich von Politikern belogen werden, war es mir wichtig, einen vollkommen aufrichtigen Film zu machen, der hoffentlich nicht nur als Frauenfilm abgetan wird.

ABENDBLATT: Was ist an einem Frauenfilm so schlecht?

MACLAINE: "In den Schuhen meiner Schwester" handelt nicht ausschließlich von Frauen, sondern ist in erster Linie ein Film über Menschen. Ich wünschte, daß Kategorisierungen nicht greifen, weil es in diesem Film um die grundlegende Suche nach der Familie und der eigenen Identität geht.

ABENDBLATT: Wenn Sie Ihre prominenten Kolleginnen wie Cameron Diaz oder Nicole Kidman betrachten - wie hat sich das Leben einer jungen Starschauspielerin in den letzten 50 Jahren verändert?

MACLAINE: Zu meiner Zeit gab es die Klatsch-Magazine noch nicht. Ich weiß nicht, wie die jungen Stars den Medienrummel aushalten. Wenn Cameron Diaz oder Nicole Kidman zu den Proben kommen wollten, konnten sie oft nicht aus ihrem Haus, weil es von Paparazzi belagert war. Das gab es damals nicht. Gerade habe ich mit Jennifer Aniston gedreht, und die mußte die Auflösung ihrer Ehe in der Öffentlichkeit verkünden. Das muß man sich einmal vorstellen!

ABENDBLATT: "In den Schuhen meiner Schwester" erzählt von einer Frau, die gern in den Schuhen anderer durchs Leben geht - in wessen Schuhen würden Sie gern stecken?

MACLAINE: Eins habe ich aus meiner Zeit als Tänzerin gelernt: Wenn man jeden Tag dieselben Schuhe trägt, bekommt man Druckstellen. Deshalb ist es gut, eine größere Auswahl an Schuhen zu haben, die den verschiedenen Aspekten der Persönlichkeit Rechnung tragen. Ich fühle mich wohl in meinen eigenen Schuhen, aber ich habe auch eine Menge davon.

 

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