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Kultur & Live

"Dort hatte ich meinen ersten Job!"

Stadtteilkultur: NDR-Moderator Gerd Spiekermann kennt sich in Hamm gut aus

Hamburg. Eigentlich sind es nur Karteikästen, die auf den blankgeputzten Tischen warten. Gefüllt mit kleinen Karten und vergilbten Fotografien. Alle sorgsam aufgereiht, numeriert und akkurat sortiert. Eine schmucklose Szene, in die bei Buchstabe H plötzlich Farbe kommt. "Mensch, da ist ja der Hübbesweg 9", entfährt es Gerd Spiekermann, während er ein altes Schwarzweiß-Foto aus einem der Kästen zieht. "Dort hatte ich meinen ersten Job."

Es ist leicht, im Stadtteilarchiv Hamm in Erinnerungen zu schwelgen. Rund 20 000 historische Fotos aus allen Straßen Hamms füllen drei Dutzend Karteikästen. Darunter auch H wie Hübbesweg 9. Hier hat Gerd Spiekermann 1979 als Zivildienstleistender in der damaligen Behindertenwerkstatt angefangen.

Inzwischen moderiert der 53jährige zwar seit 20 Jahren bei NDR 90,3 Sendungen wie "Hör mal'n beten to" oder das "Hamburger Hafenkonzert". Doch ab und an tankt er noch immer Nostalgie im Stadtteilarchiv von Hamm.

Das von Heimatforschern und ehrenamtlichen Helfern bestückte Archiv ist einer von vielen Bausteinen, die sich aus dem 1982 gegründeten Kulturladen Hamm entwickelt haben. Ein Verein mit 110 Mitgliedern, der sich eigentlich "Stadtteilinitiative Hamm" nennt. "Doch den Namen konnte sich ohnehin keiner merken", sagt Kerstin Zech. Sie organisiert das Programm des Kulturladens. Angefangen bei Konzerten, Lesungen und Theaterabenden bis hin zu Flohmärkten, Barkassenfahrten und geschichtlichen Rundgängen durch Hamm. Auch Yoga- oder Sprachgruppen bringt der Verein zusammen.

So pauken heute im Zimmer neben dem Stadtteilarchiv ausländische Kinder und ihre Mütter Deutsch. Und auf der anderen Seite des Flurs füllt sich das Internetcafe. Seit 1990 betreibt der Verein zudem die Kindertagesstätte "Kinderschlupf". Zwei Jahre später kam Hamburgs einziges Bunkermuseum am Wichernsweg dazu. 23 000 Besucher hatten der Kulturladen und sein vielseitiges Angebot allein 2004. Auch den Wandsbeker Gerd Spiekermann hat es im Laufe der Jahre immer wieder hierhergezogen. Zum einen, weil er selbst öfters als plattdeutscher Geschichtenerzähler auf der Bühne des Kulturladens steht. Zum anderen, weil ihn seine Sendungen ins Stadtteilarchiv führten. "Manche Leute haben im Krieg alles verloren, finden hier unter Tränen Fotos von ihrem Haus wieder und fangen an zu erzählen", sagt er. "Das sind Geschichten mitten aus dem Leben - und die mag ich."

Überhaupt haben die Projekte des Kulturladens inzwischen Bewegung in den ganzen Stadtteil gebracht. Denn nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges hatte sich Hamm eher zum Wohn- denn zum Kulturviertel entwickelt. "Lange war es so, daß sich kulturelle Initiativen wie Kinos in Hamm kaum halten konnten, weil die Leute lieber in die Innenstadt fuhren, um etwas zu erleben", sagt Gunnar Wulf, der das Stadtteilarchiv leitet.

Doch inzwischen tut sich wieder etwas in dem Stadtteil, dessen Namen Gerd Spiekermann früher erst mal erklären mußte, "weil keiner wußte, wo das eigentlich liegt". Hamms viele grüne Ecken und auch der Kulturladen werden nun zunehmend von jungen Leuten entdeckt. Insofern ist das größte Problem des Vereins derzeit, daß selbst 450 Quadratmeter dem Kulturladen kaum noch reichen. "Größere Räume, die nicht wie jetzt im Winkel eines Gewerbehofs versteckt liegen - das wäre schon ein Traum", sagt Kerstin Zech.

Ein Traum, weil der Verein zum Beispiel die große Nachfrage nach plattdeutschen Abenden, Kleinkunst oder Gruppentreffen noch besser erfüllen könnte. Weil an den Wänden der Flure und im Archiv noch mehr historische Fotos Platz finden sollen. Damit die Menschen hier noch mehr in ihre Erinnerungen reisen und Geschichten aus dem Leben erzählen können. "Wäre ich nicht zum NDR gegangen, würde ich heute gern die Werkstatt leiten", sagt Gerd Spiekermann nachdenklich und streicht über das Foto des Hauses, in dem für den Mann aus dem Dörfchen Ovelgönne bei Brake das Arbeitsleben in Hamburg begann. Damals, am Hübbesweg 9. Manchmal sind die besten Erinnerungen auf blankgeputzten Tischen und in nüchternen Karteikästen versteckt.

  • Öffnungszeiten des Stadtteilarchivs: Di 10 bis 12 Uhr und 17 bis 19 Uhr, Do 10 bis 12 Uhr. Infos zum Programm des Kulturladens Hamm (Carl-Petersen-Straße 76) unter www.hh-hamm.de. Infos: T. 251 38 35.

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