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Kultur & Live

"Wir waren im rohen Zustand"

Filmstart: Donnerstag kommt "Keine Lieder über Liebe" ins Kino. Heike Makatsch über Filmen ohne Drehbuch, Gitarrenmusik und die Verbindung von Rolle und Person.

HAMBURG. Ehrlich, aufreibend und anrührend ist der Film "Keine Lieder über Liebe", der am 27. Oktober in die Kinos kommt. 98 Minuten, die vorgeben, eine Dokumentation zu sein. Tobias (Florian Lukas) dreht einen Film über seinen Bruder Markus (Jürgen Vogel), der mit der Band Hansen durch Norddeutschland tourt. Vor allem aber ist "Keine Lieder . . ." die Geschichte einer Trennung. Tobias' Freundin Ellen, gespielt von Heike Makatsch, stößt zur Tour dazu.

ABENDBLATT: Frau Makatsch, Regisseur Lars Kraume sagt, es gebe ein Drehbuch, was aber nie jemandem gezeigt wurde. Wie haben Sie Ihre Figur entwickelt?

HEIKE MAKATSCH: Lars redet immer von diesem ominösen Drehbuch! Wir haben's nie gesehen! Ich glaube nicht, daß der Film das widerspiegelt, was er sich irgendwann hat einfallen lassen. Die Handlung ist - bis auf die vorgegebenen Stationen der Tour - nur durch die Dynamik entstanden, die wir gemeinsam entfacht haben. Vor der Reise haben wir mit Lars die Biographien der Figuren skizziert, wo sie sich berühren, in was für einem Verhältnis sie stehen. Wir sprachen über Ängste, Sehnsüchte und Träume. Damit im Gepäck bekommt das eigene Verhalten eine Zwangsläufigkeit.

ABENDBLATT: Dieser Freiraum, die Rolle stark gestalten zu können, haben Sie das auch verflucht, oder fanden Sie das nur gut?

MAKATSCH: Es ist nicht so, daß ich was gegen Drehbücher habe. Ein gutes Drehbuch ist eine großartige Grundlage. Selbst wenn der Regisseur sagt, es wird kein einziges Wort verändert, muß ich das Ganze ja emotional ausfüllen. Aber in diesem Fall war etwas anderes gefragt: Authentizität. Wir haben ja keine Dialoge entworfen. Wir waren einfach nur. Was wir versucht haben, ist, das Herz so weit aufzumachen, daß die Signale, die dein Gegenüber dir sendet, auf einen fruchtbaren, wenn auch destruktiven Boden fallen. Wir befanden uns die ganze Zeit in einem rohen Zustand.

ABENDBLATT: In einer Szene erzählt ein Seemann eine traurige Geschichte. Sie beginnen zu weinen. Erst später erfahren Sie, daß er kein echter Matrose war, sondern ein Schauspieler. Haben Sie sich in solchen Momenten vom Regisseur reingelegt gefühlt?

MAKATSCH: Nee, gar nicht. Ich will ja reingelegt werden letztendlich. Ich will ja, daß was mit mir passiert, damit wir was auf die Leinwand bringen. Der Seemann ist so großartig gespielt worden, ich dachte, er sei ein Mann von der Straße. Daß die Situation mich so berührt hat, war nur möglich, weil ich es wollte. Unsere Reaktionen haben wir bewußt forciert.

ABENDBLATT: Im Film dauert es lange, bis die Trennung zwischen Ellen und Tobias ausgesprochen wird. War es möglich, diese spürbare Spannung in den Drehpausen als Privatperson abzulegen?

MAKATSCH: Es war schon schwierig, das einfach abzuschütteln. Es gab so gut wie keine Drehpausen. In unseren Mitschauspielern haben wir schon die Figur gesehen, mit der wir gerade gerungen haben. Mit Florian, Jürgen und mir war es danach auch nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Wir waren zeitweise nicht gut im Bierchen miteinander trinken abends.

ABENDBLATT: Sie haben beim Dreh auch Ihren Freund Max Schröder kennengelernt, der bei der Hansen-Band Schlagzeug spielt. War das nicht zusätzlich verwirrend?

MAKATSCH: Das hat sich nicht wirklich überschnitten. Damals waren wir noch kein Paar. Es ist aber schön, daß wir den Film zusammen angucken können, wenn er rauskommt. Das verbindet.

ABENDBLATT: Die Handlung kreist um die Frage, wie gut man Menschen kennt, die einem nahestehen. Welche Erkenntnisse haben Sie durch die Arbeit gewonnen?

MAKATSCH: Ich habe ja hinterher das Tagebuch der Ellen geschrieben, wo ich das Erlebte reflektieren konnte. Gerade bei der Frage nach Ehrlichkeit in Beziehungen bin ich zu dem Schluß gekommen: Solange ich mir nichts vormache über meine Bedürfnisse und Verwirrungen, wenn ich versuche, den Menschen zu erkunden, der ich bin, dann brauche ich auch niemanden anzulügen.

ABENDBLATT: In "Keine Lieder . . ." spielt die Musik der Hamburger Schule eine große Rolle. Berühren diese Songs Sie auch persönlich?

MAKATSCH: Ich finde das ist Musik, die auf sehr poetische Art mit deutschen Texten umgeht. Independent- und Gitarrenmusik habe ich sowieso immer schon gehört.

  • Keine Lieder über Liebe Filmpremiere am 26.10. im Zeise (19.30 Uhr) und im Abaton (20.30 Uhr). Die Band Hansen, deren Album bereits auf dem Markt ist, spielt bei der Premieren-Party im Knust (ab 20 Uhr). Am 2.11. liest Heike Makatsch im Abaton (19.30 Uhr) aus "Ellens Tagebuch".

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