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www.sinnsuchen.de

Philosophie: Krisenzeiten sind gute Zeiten, um über Sinn und Zweck des Lebens nachzudenken. Anregungen dazu gibt es neuerdings auch im Internet.

Hamburg. Der Philosoph an sich ist ein aufrechter Mensch. Er nährt sich von der süßen Milch des Denkens, die er schlürft, bis er zur Erkenntnis gelangt. So kommt die Weisheit über und in ihn, im Leben wie im Internet. Gregor Nottebom ist 36 Jahre alt, lebt in Bochum und ist trotzdem Philosoph. Der Geist weht auch im Ruhrpott. Nottebom denkt, tagein, tagaus - das bringt seine Passion mit sich. Er ist ordentliches Mitglied der internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis und möchte den Menschen das Denken lehren. Denn Denken, das weiß Nottebom, ist eine Kunst, die man erlernen kann. Das Denkhandwerk. Goldenen Boden hat es nicht, schließlich praktiziert Nottebom es auch im Internet. Auf seiner Website www.sinnsuchen.de lädt der Magister seit Februar zu mal schwergeistigen, mal eher gut gemeinten, immer aber philosophisch beseelten Gesprächs- und Diskussionsrunden ein, erteilt Ratschläge für alle Lebenslagen, also auch in Beziehungsfragen. Doch die Liebe ist nicht vorrangiges Anliegen des Chatvolks, das sich in den einzelnen Foren tummelt. Im globalen Dorf wird Bibel gelesen. Die Religion ist Thema Nummer eins unter den bislang rund 23 000 Zugriffen auf die Seite. Einige Hundert Sinnsucher durchschreiten täglich das Internet-Portal des Philosophen, manch einer mit der keimenden Hoffnung auf Erkenntnis im seelischen Gepäck. "Der Bedarf, bezüglich der Sinnfrage Antworten zu erhalten und zu diskutieren, ist zurzeit so groß wie nie. Krisenzeiten sind gute Zeiten für die Philosophie", sagt Nottebom. "BSE, Terrorismus, Parteispendenskandale, Gewalt an Schulen, Kriege - all das stellt eine psychische und geistige Belastung dar, mit der Psychologie, Psychiatrie, Kirche und Politik nicht mehr konstruktiv umgehen können. Hier ist Philosophie vonnöten." Die geistige Kraft jedes Einzelnen sei gefragt und das Internet ein mögliches Forum, diese individuellen Kräfte zu mobilisieren. Die Idee kommt offenbar an - und das in jeder Altersgruppe und sozialen Schicht. Zur geistig-moralischen Mobilmachung melden sich, wie Nottebom anmerkt, "eine Fischverkäuferin ebenso wie ein Philosophieprofessor" auf der Website. Eine Art Offener Kanal für Suchende. "Wer etwas Sinnvolles zu sagen hat und gehört werden möchte, erhält bei sinnsuchen.de alle technischen, formalen und inhaltlichen Möglichkeiten." Sagt Nottebom. Was als sinnvoll erachtet wird, ist natürlich eine Frage der persönlichen Perspektive. Ein "Forum für Selbstdenker" sieht Nottebom in seiner Plattform für die mentale Mobilität. Wer möchte, erhält vom professionellen Philosophen denkerisches Rüstzeug. Notteboms Weltbild unterliegt dabei bestimmten Paradigmen - nachzulesen auf seiner Homepage. So hilft der Philosoph beim "Verstehen des Selbstverständlichen". Er hält dem Denkvermögen einen Spiegel vor und "nimmt keinerlei Rücksicht, wenn es darum geht, die Wahrheit herauszufinden: Lebenslügen, Widersprüche im Denken. Ausreden werden schonungslos offen gelegt". Klingt nahezu brutal, aber dass die Philosophie eine Art Rache an der Wirklichkeit ist, wie Friedrich Nietzsche einst notierte, ist für Nottebom kein Thema. Ihm geht es um ein "positives Image" seiner Geisteswissenschaft, weil "philosophisches Denken in ganz besonderer Weise zur Verbesserung der individuellen geistigen und gesellschaftlichen Lebensqualität" beitragen könne. Mit seinem virtuellen Erkenntnisdienst will Nottebom die Philosophie auch aus dem Elfenbeinturm locken. Der sei zwar als Ort der Distanz für das Denken unverzichtbar, meint der Praktiker, die Ergebnisse dieses geistigen Rückzugs aber möchte er vielen gesellschaftlichen Schichten zu Gute kommen lassen - und nicht nur wenigen Eingeweihten. Philosophische TV-Plaudershows à la Peter Sloterdijk jedoch empfindet Nottebom als "in jeder Hinsicht unbefriedigend, teilweise sogar peinlich". Mal zu kompliziert, zu verworren sei das, dann wieder zu flach, urteilt er harsch. Auch auf Notteboms Website hebt natürlich nicht jeder User zu geistigen Höhenflügen ab, aber das ernsthafte Bemühen, sich neben der Religion mit Themen wie Liebe, Zeit, Selbsttötung, Sinn- oder Beziehungsfragen auseinander zu setzen, vermitteln die Beiträge gleichwohl. Wer dreimal klickt, landet im Philosophischen Cafe, das geistige Nahrung auf verschiedenen Niveaus anbietet - Appetitanreger aus dem Chatroom, Weiterdenken möglich. Wer Glück und Zufriedenheit nicht im Forum findet, klicke auf die kleinen Werbebanner am oberen Bildrand - dort preisen Gewinnspiele ihre Vorzüge. Auch die Muse mag den Mammon. Gregor Nottebom hat die Philosophie für Jedermann in der virtuellen Welt platziert, als praktisch denkender Mann - Geht nicht? Gibts nicht! - bedient er sich der Möglichkeiten, die das Internet bietet. Pixel für Pixel wächst dort die Erkenntnis. "Die Maschine ist der neue Messias", sagte Henry Ford. Der hat Autos zusammengeschraubt. Stimmt trotzdem, sein Satz.

 

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