Offen für alle Kulturen - Peggy Parnass kommt gern hierher
Stadtteilkultur - Der Kulturladen St. Georg
Hamburg. Wer den Kulturladen St. Georg betritt, ist gleich mitten im Geschehen. Denn der erste Raum der verwinkelten ehemaligen Geschäftswohnung ist die Cafeteria. Und die ist schon gegen Mittag belebt: Männer stehen am Tresen, an Tischen wird in verschiedenen Sprachen geredet. Das Ganze wirkt wie ein Mix von alteingesessener Stadtteilkneipe und Nachbarschaftstreff.
Das kommunikative Entree paßt zu diesem besonders quirligen Stadtteil. "Unser Anspruch ist es, ein offenes Haus für alle Kulturen zu sein", sagt Christiane Orhan, die den Kulturladen gemeinsam mit zwei Kolleginnen betreibt. 1983 wurde der Verein gegründet, zu Hause ist er in der Langen Reihe 111 (gegenüber von "1000 Töpfe").
Peggy Parnass ist ein Stück wandelndes St. Georg. Die Publizistin und Schauspielerin lebt, wie sie sagt, "schon ewig" im Stadtteil nahe dem Hauptbahnhof. Sie hat erlebt, wie sich der Stadtteil immer wieder verändert und erneuert hat, ihre Zuneigung ist unverändert: "Ich mag die Internationalität hier, die lebendige Mischung von Rassen und Klassen."
Klar, daß sie, die hier alle nur Peggy nennen, gerne in den Kulturladen kommt. Denn der Verein ist ein Abbild des Stadtteils. "Wir wollen Künstler zusammenbringen und Verbindungen herstellen", sagt Renee Steenbock vom Kulturladen. Wie gut das gelingt, läßt sich von einem gelben, zweimal gefalteten Din-A4-Blatt ablesen: Das Papier enthält das Monatsprogramm, und es ist abenteuerlich, welche Vielfalt hier Platz findet - was im übrigen auch für die kleinen Räume des Kulturladens gilt.
Es werden hier Sprachkurse in Arabisch und Chinesisch angeboten, aber auch Deutsch in der Grundstufe 1. Im Kulturladen trifft sich der Mirasol-Chor, der aus 25 bis 30 Frauen aus zehn Nationen besteht und ein Repertoire hat, das Lieder in türkischer, italienischer, persischer Sprache ebenso enthält wie in Suaheli. Jeden zweiten Sonnabend findet in der Cafeteria ein Jazzkonzert statt, regelmäßig werden Filme im spanischen und italienischen Original gezeigt (Eintritt: 2 Euro), es gibt Kindertheater, szenische Lesungen, Ausstellungen und schöne Projekte mit Kindern, die Videoschnittplätze und Foto-Dunkelkammer nutzen dürfen: Unter freundlicher Mithilfe der Polizei drehten Kinder den prämierten Krimi "Tatort St. Georg" oder gestalteten unter dem Motto "Mein Lieblingsplatz" eine Fotoausstellung.
Belebt wird das Kulturprogramm durch die vielen Gruppen, die sich regelmäßig im Laden treffen: Als Gegenleistung für günstige Raummieten gestalten sie ab und zu Veranstaltungen. Zu den beliebtesten Angeboten zählen die regelmäßig wechselnden gastronomischen Angebote: sonntags südamerikanisch, montags afrikanisch, dienstags mediterran, mittwochs bis freitags italienisch. Das alles zu moderaten Preisen, wie alles in der Cafeteria (Kaffee und Tee 50 Cent, ein Glas Wasser 70 Cent, ein Bier 1,50 Euro). "Es spricht sich immer mehr rum, was wir bieten", sagt Christiane Orhan. "Aber am wichtigsten ist, daß die Leute den Ort auch ohne jeden Konsumzwang als Treffpunkt nutzen können."
Das genau ist es, was Peggy Parnass in St. Georg sucht und noch immer findet. Daß nicht ökonomische Beziehungen das Miteinander bestimmen, sondern Menschen zusammenkommen, weil sie sich füreinander interessieren. Und weil die Toleranz hier höher als anderswo in Hamburg ist. Peggy Parnass wohnt in einem idyllischen Hof an der Langen Reihe, in dem noch immer ein Gemeinschaftsgefühl der Bewohner gepflegt wird. Doch sie sieht auch, wie sich das einstige Problemviertel, in dem Prostitution und harter Drogenkonsum im Straßenbild gegenwärtig waren, zum modischen Szeneviertel für Besserverdienende wandelt.
190 000 Euro beträgt der Etat des Kulturladens, 135 000 Euro kommen als fester Zuschuß von der Stadt. Gut eingesetztes Geld für unspektakuläre, aber wirkungsvolle Sozial- und Kulturarbeit im kleinen.



Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




