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Kultur & Live

Kennen Sie die schönsten Gedichte?

Reich-Ranicki: Jetzt kommt der Kanon der Lyrik

Das Gedicht, findet Marcel Reich-Ranicki, sei die "schönste und empfindsamste Gattung überhaupt". Und welche Werke der deutschen Lyrik findet der "Literaturpapst" selbst am schönsten? Die Entscheidung hat er sich nicht leicht gemacht und für seinen Literaturkanon sieben Bände mit Gedichten gefüllt - von Walther von der Vogelweide bis Durs Grünbein. Im Oktober erscheint das gewichtige Werk als vierter und vorletzter Teil seines "Kanons der deutschen Literatur" im Frankfurter Insel-Verlag. Wir geben schon einmal einen Vorgeschmack mit drei Gedichten - von insgesamt 1370.

Mondlicht Wie liegt im Mondenlichte Begraben nun die Welt; Wie selig ist der Friede, Der sie umfangen hält! Die Winde müssen schweigen, So sanft ist dieser Schein; Sie säuseln nur und weben Und schlafen endlich ein.

Und was in Tagesgluten Zur Blüte nicht erwacht, Es öffnet seine Kelche Und duftet in die Nacht.

Wie bin ich solchen Friedens Seit lange nicht gewohnt! Sei du in meinem Leben Der liebevolle Mond! Theodor Storm

Das Fräulein stand am Meere Das Fräulein stand am Meere Und seufzte lang und bang, Es rührte sie so sehre Der Sonnenuntergang. "Mein Fräulein! Sein Sie munter, Das ist ein altes Stück; Hier vorne geht sie unter Und kehrt von hinten zurück." Heinrich Heine

Einkehr Bei einem Wirte, wundermild; da war ich jüngst zu Gaste; ein goldner Apfel war sein Schild an einem langen Aste. Es war der gute Apfelbaum, bei dem ich eingekehret; mit süßer Kost und frischem Schaum hat er mich wohl genähret.

Es kamen in sein grünes Haus viel leichtbeschwingte Gäste; sie sprangen frei und hielten Schmaus und sangen auf das beste. Ich fand ein Bett zu süßer Ruh auf weichen, grünen Matten; der Wirt, er deckte selbst mich zu mit seinem kühlen Schatten.

Nun fragt' ich nach der Schuldigkeit, da schüttelt' er den Wipfel. Gesegnet sei er allezeit von der Wurzel bis zum Gipfel! Ludwig Uhland

 

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