Was die Bella-Block-Autorin mit dem Stadtteil verbindet
Stadtteilkultur: Doris Gercke über den Kulturhof Dulsberg
Hamburg. In die Schule gehen. Während der Freizeit. Das löst keine spontanen Begeisterungsstürme aus. Die Assoziation von Angstschweiß bei Klassenarbeiten steigt auf. Ein kreativer Wind weht jedoch, wenn das Stadtteilbüro Dulsberg seinen Kulturhof in der Gesamtschule am Alten Teichweg öffnet. Mehr als 50mal luden die Betreiber vergangenes Jahr zu Kindertheater und Seniorentanz, Weihnachtsmärchen und Workshops.
"Für jedes Thema müssen wir uns eine neue Dekoration überlegen", sagt Veranstaltungstechniker Andreas Eggers. "Und das funktioniert", bestätigt Doris Gercke. Die Krimiautorin - bekannt für ihre beherzt-schnoddrige Figur Bella Block - las während der "Herbstlese" 2004 aus ihrem Buch "Schlaf, Kindchen, schlaf". Und war begeistert. Nicht "dieses spezielle Publikum" sei zu dem literarischen Festival gekommen. Keine intellektuellen Literaturhausgänger, sondern "Leute aus dem Stadtteil". Menschen mit Erfahrungen, wie sie auch in Gerckes sozialkritischen Romanen eine Rolle spielen.
Als "eher einkommensschwach und kulturfern" bezeichnet Jürgen Fiedler seine Zielgruppe. Der Leiter des Stadtteilbüros Dulsberg versteht sich als Moderator zwischen Bürgern und Bezirk. Kultur sei der Türöffner, um von den Sorgen der Bewohner zu erfahren. Mit Erfolg: Beim ersten "Stadtteilkultur-Ratschlag" am 7. April brachten die Dulsberger konkrete Wünsche ein - etwa nach Band-Battle und Mädchentanzgruppe. Improvisationstheater und der jährlich ausgetragene Comedy-Pokal binden verstärkt Besucher an das Viertel. Der Jazz-Frühschoppen habe sich als Publikumsmagnet über Dulsbergs Grenzen hinaus etabliert. Und seit einem Jahr setzt das Team verstärkt auf interkulturelle Arbeit: Im "Cafe der Kulturen" präsentieren sich Länder wie Rußland, Afrika und die Türkei, in Konzerten und kulinarisch. "Zu günstigen Einstrittspreisen", betont Fiedler.
Gercke blickt halb bewundernd, halb besorgt auf Hamburgs Nordosten. Die gebürtige Greifswalderin wuchs in Barmbek auf. Zwischen den Trümmern. Zum Spielen ging's oft ins benachbarte Dulsberg. "Der Stadtteil ist eine richtige Perle geworden", sagt die 68jährige. "Aber daß die Bücherhalle geschlossen wurde, ist ein Verbrechen." Fiedler nickt.
Die Stadtentwicklungsbehörde prognostiziert Dulsberg gute Chancen. Eine Umkrempelung zum Szene-Viertel - wie etwa in der Schanze - sei aber nicht in Sicht, meint Fiedler. "Für die Young Urban Professionals ist der Zuschnitt der Wohnungen zu klein." Besserverdienende suchten mehr als 50 Quadratmeter.
Ziegelbauten prägen die Straßen. Backsteinmauern sorgen auch im Cafe des Kulturhofs für Dulsberger Flair. 100 Personen haben unter dem Glasdach Platz. Vor der Theke arrangiert Eggers je nach Bedarf Stühle und Tische. Wie für die Lesung von Gercke.
Wach gucken ihre blauen Augen unterm Pony des grauen Kurzhaarschnittes hervor. Verwaltungsbeamtin ist sie, Hausfrau und Mutter. Mit Anfang Vierzig machte sie das Begabtenabitur und studierte Rechtswissenschaften. Die Wahl-Hamburgerin ist energisch. Eine, die sich einmischt. "Was kann man ändern?" fragten Gäste am Alten Teichweg, nachdem sie Gerckes Geschichte über die weltweit schlechte Situation für Kinder gehört hatten. Sie zählen zu den 5650 Besuchern, die den Kulturhof im vergangenen Jahr nutzten. Eine stolze Zahl angesichts eines Mini-Jahresetats von rund 10 000 Euro. Der Großteil des Geldes stammt aus Fördertöpfen des Bezirks. Hinzu kommen Einnahmen aus Privatvermietungen. "Durch die Betriebskosten bleibt aber nicht viel übrig", erklärt Fiedler. Ohne Ehrenamtliche wäre das Projekt, das 1999 gegründet wurde, aufgeschmissen.
Daß der Kulturhof in Dulsberg so gut integriert ist, liegt in seiner Geschichte begründet: Mitte der 80er Jahre entstand im Quartier die Idee zu einem Bürgerhaus. Bewohner und Vertreter sozialer Einrichtungen suchten unter dem Arbeitstitel "Kulturpalast" nach Standorten. Die Nutzung der Gesamtschule bot sich als "Zwischenlösung" an. Doch der Alte Teichweg birgt Potential: Die Gesamtschule wird auf Ganztagsunterricht umgestellt und daher neu aufpoliert.
Doris Gercke jedenfalls möchte wiederkommen. Mit Ulrike Ritter vom Stadtteilbüro - "der Seele vom Geschäft, was Kultur angeht", plant sie Schreibwerkstätten für Herbst und Winter. "Ich mache das gern", kommentiert die Autorin ihr Engagement. Eine Lehrerin, bei der das Schulbankdrücken Spaß machen dürfte.



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