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Kultur & Live

Die Schönheit des sanften Schepperns

Der Hamburger Patrick Zimmer alias Finn stellt sein neues Album vor

Hamburg. Ein Kindchenschema-Kopf blickt auf die sich wiegende Hörerschar im Knust. Mit sprödem Strich gezeichnete Augen. Traurig guckt die Comicfigur als Videoprojektion in den Saal. Die Haare strähnig, der Pulli gestreift. Ein Schanzenviertel-Kind. Sein reales Alter ego auf der Bühne hat soeben mit tuckerndem Intro begonnen, sein neues Album vorzustellen.

Die Optik ist schwarzweiß, doch die Musik voller Grau- und Zwischentöne. Elf Songs von süßer Melancholie und verstörender Intimität. Ein sphärisch-knarzender Sound aus Gitarre und Syntheziser, ein Schlagzeug ab und an, von Menschenhand gespielt, verwoben mit Arrangements aus dem Computer. Der rauhe Charme der Heimaufnahme reicht epischem Pop die Hand.

Der Schlaks namens Finn alias Patrick Zimmer aus Hamburg hüpft und zuckt, als ein Streicher sanft einen scheppernden Beat durchbricht. Mit geschlossenen Augen klemmt der Endzwanziger seinen Mund unters Mikro und setzt für seine Single "Electrify" zu einem hohen, kehligen Gesang an. "Save Me", fordert Finn. Das Gesungene unterstreichen grobe Lettern, die über die Leinwand hinter der Band irrlichtern. Augenfutter ergänzt den Ohrenschmaus. Wie ein doppelter Boden, damit der Musiker nicht allein dem Drahtseilakt der Bühnenshow ausgeliefert ist. Die Hüfthose eng, dunkles Leibchen und Lederjacke gekonnt zu kurz. Ein verschrobener Sex-Appeal, den Finn ausstrahlt. Kombiniert mit einer fast übertriebenen Ernsthaftigkeit seines Vortrags.

"Es kommt nicht oft vor, daß wir vor so vielen Leuten spielen", erklärt Finn. "Ich bin sehr nervös." An ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit wird er sich gewöhnen müssen. Überschlagen sich die Kritiker doch mit Formulierungen, um das Driftende, untergründig Brodelnde und Verspielte seiner Songs in Worte zu fassen: "Meine Güte, was für ein großartiges Album!" tönt die "Spex". Vom "musikalischen Puls eines Bären im Winterschlaf" (Intro-Magazin) ist die Rede, sogar vom neuen "Dalai Lama des Indie-Pop" (taz). Nur konsequent, daß Finn sein zweites Werk, das am Montag beim Hamburger Label Sunday Service erscheint, "The Ayes Will Have It!" betitelt: "Die Mehrheit wird dafür sein."

Im Vergleich zur ersten Platte "Expose Yourself To Lower Education" (2003) sind Finns Lieder tanzbarer geworden. Zwar bezaubert er mit Stücken wie "Speculate, Speculate" oder "Wrong Side" nach wie vor mit reduziertem SingerSongwriter-Material. Mit simplen Melodien und einer Stimme, deren Zärtlichkeit dem Lauschenden die Kehle zuschnürt. Aber Disco-Fragmente und zaghaftes Rocken brechen sich hörbar Bahn. Weder die Verehrung von Elektro-Künstlern wie The Notwist noch vom brüchigen Indie-Pop der Briten Radiohead ist zu leugnen. Und mit "So There" hat Finn eine beatlesk anmutende Ballade geschaffen.

Vor allem live gerät ein getragener Song wie "A Computer Au Palais" zum dichten Tonteppich, der mit Bläsern und Streichern in euphorische Höhen emporsteigt. Das Schwelgen in Soundschleifen und -schichten birgt aber auch die Gefahr, daß sich die Stücke im Konzert zu sehr einander annähern. Finns Musik hat etwas Einlullendes. In Dissonanzen und Moll-Dominanz steckt aber auch eine gehörige Portion Aufreibendes, die den Empfänger von der Kuscheldecke fort auf die Straße treibt, um das Enervierende der Großstadt aufzunehmen.

Finn: The Ayes Will Have It (Sunday Service) erscheint am 8. 8.. Am 10. 8. spielt Finn im Schaufenster von Michelle Records, Gertrudenkirchhof 10.

 

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