Ein Herz für Bramfeld
Stadtteilkultur: Warum Brakula das kulturelle Zentrum von Bramfeld ist und was Stefan Gwildis mit dem Bramfelder Kulturladen verbindet
Hamburg. Es ist nicht ohne Witz, daß das Vorderteil eines U-Bahn-Waggons ausgerechnet im Vorgarten des Stadtteilkulturzentrums Brakula (Bramfelder Kulturladen) gestrandet ist. Denn wenn Bramfeld etwas fehlt, dann ist es der seit langem vom Senat versprochene U-Bahn-Anschluß.
Die meisten Hamburger dürften den Stadtteil nur vom Durchfahren kennen. Denn wenn Bramfeld etwas hat, dann ist es eine der meistbefahrenen Ausfallstraßen: Die knapp sechs Kilometer lange Bramfelder Chaussee ist Teil der Bundesstraße 434 Richtung Lübeck. "Ungefähr 40 000 Autos kommen hier täglich vorbei", erzählt Brakula-Geschäftsführer Uwe Schmidt. Und: "Die Straße durchschneidet den Stadtteil." Was ihm jeder Besucher sofort glaubt, der gegenüber vom Brakula geparkt hat: Wer die vierspurige Rennstrecke überqueren will, braucht Geduld und sollte sich vielleicht doch für den Umweg über die nächste Ampel entscheiden.
Daß hier ein ehemaliges Dorf von der wachsenden Stadt überrollt worden ist, ist kaum mehr zu erkennen. Bis in die 50er Jahre hinein hatte die Chaussee noch Kopfsteinpflaster. Und die Heimat von Brakula ist ein ehemaliges Bauernhaus. Das Stadtteilkulturzentrum ist hier 1982 eingezogen und hat das reparaturanfällige Gebäude saniert. "Vielen ist nicht klar, was hier für geile Sachen gemacht werden", sagt einer, der es wissen muß. Der Sänger und Schauspieler Stefan Gwildis ist alter Bramfelder: Er ist hier aufgewachsen, im Hegholt zur Schule gegangen und war von 1984 bis 2000 Nachbar von Brakula. Stefan Gwildis ist ein bißchen wie Bramfeld. Wer ihn kennt, der mag ihn. Weil er authentisch ist und weil das, was er macht, Herz hat. Außerhalb der Hamburger Szene war er kaum bekannt - bis er vor zwei Jahren mit der CD "Neues Spiel" einen Überraschungserfolg hatte. Daraufhin nahm er am deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest teil und sang im Vorprogramm von "Pur" in der Arena auf Schalke vor 60 000 Zuschauern.
Im Brakula hat er vor einigen Jahren ab und zu vor 200 Leuten gespielt. In einem Saal, der nach Fest im Dorfkrug aussieht und nach Bier riecht. "Das ist klasse hier, weil ich nicht gleich mit der megasuperamtlichen Version auf die Bühne kommen muß", sagt Gwildis. "Es ist wichtig, sich auszuprobieren, Gedanken auszutauschen. Das geht nicht am Schreibtisch und auch nicht sofort in der Musikhalle. Hier siehst du den Leuten ins Gesicht."
Uwe Schmidt findet es wichtig, daß im Brakula jedermann die Chance erhält, sich auf der Bühne zu versuchen: "Es ist okay, wenn eine Schülerband hier ihr erstes Konzert gibt und nur zehn Leute kommen." Brakula signalisiert schon nach außen hin Offenheit. Auf der Vorderseite sorgt ein freundliches Cafe, das in Kooperation mit den Werkstätten für Behinderte betrieben wird, schon am Vormittag für Leben im Haus. Außerdem sind Räume an die "gute und preiswerte" (Schmidt) Trattoria San Giorgio vermietet.
Beide Betriebe bilden den gastfreundlichen Rahmen für die eigentliche Arbeit von Brakula. Neben dem für Stadtteilkulturzentren üblichen Angebot an Kursen und Veranstaltungen ist das Haus vor allem ein Treffpunkt für Gruppen aus dem Stadtteil. "Bramfeld hat keinen sichtbaren Ortskern", sagt Veranstaltungsmacherin Christine Glosemeyer. "Das ist für uns eine Chance, und wir sind so etwas wie ein kultureller Kristallisationskern im Stadtteil." 43 verschiedene Gruppen nutzen Brakula als Treffpunkt. Schwerpunkt der Aktivitäten ist jedoch die Arbeit mit Kindern. Es gibt Kreativkurse und Workshops, das Bramfelder Spielzeuggeschäft Hartfelder veranstaltet im Brakula eine Pokemon- und eine Yo-Gi-Oh-Liga. Außerdem organisiert das Brakula-Team Flohmärkte, Schulprojekte und Stadtteilfeste.
Bramfeld ist ein eher unauffälliger Stadtteil, der von anderen Hamburgern kaum wahrgenommen wird. Wer nur durchbraust, ahnt nicht, wie schön es abseits der Chaussee ist. Uwe Schmidt zeigt auf die Wiesen hinterm Brakula, preist den Bramfelder See und den Reiterhof Kruse. "Die meisten Mensch leben gerne hier. Es ist grün, es gibt viele Einfamilienhäuser, und man kann hier günstig wohnen."
Stichworte für Stefan Gwildis, der noch rasch weitere Wegmarken eines überzeugten Bramfelders aufzählt: den Ohlsdorfer Friedhof mit seinem traumhaften Baumbestand, den 127 Jahre alten Haushaltswarenladen Damms und das Eiscafe Dante an der Chaussee, den Markt am Dorfplatz mit dem Wurststand von Fesche. Und, nicht zu vergessen, Karstadt am Dorfplatz, eine Institution in Bramfeld: "Wenn wir uns als Kinder verabredet haben, dann war unser Treffpunkt oft Karschi. Da war ich schon als Kind bei der Eröffnung in den 60er Jahren und habe einen Öltanker geschenkt bekommen. Der Laden ist ein bißchen rummelig und klein, aber immer mit viel Herzblut betrieben worden."
Vergangenheit. Stefan Gwildis wohnt inzwischen in der Nordheide, und seine Zeit ist knapper als damals. Gemeinsam mit seiner Agentin Elfi Küster verabschiedet er sich, hält kurz inne und sagt: "Mensch, heut' ist ja Markt. Komm, Elfi, ich lad' dich noch eben auf 'ne Thüringer bei Fesche ein." Soviel Zeit muß sein in Bramfeld.



Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




