"Ich kann ihn anschrauben"
Ich fuhr ins Südoldenburgische, um einen Kurzurlaub zu verbringen und des verstorbenen Bruders zu gedenken. Um die 18 Jahre war er alt, als im Rahmen eines Fußballfreundschaftsspiels die lymphdrüsige Erkrankung offenkundig wurde. Schwindelgefühl befiel den Burschen in Höhe des Strafraumes, aussichtsreich war die Position, eines kurzen Anlupfens des Balles hätte es bedurft. Oder des strammen Schusses in das kurze Eck, da muß der Spieler rasch die Entscheidung treffen, was denn da richtig sein mag. Doch Mangel an Atemluft ließ den Sportsmann auf den Rasen sinken, die Kameraden versammelten sich um ihn, zeitnah wurde er ins Hospital verbracht.
Knapp ein Jahr später verschied er, vielfach chirurgisch behandelt, auch chemotherapeutisch nicht unterversorgt. In jener Stunde saß ich an seinem Bett, krankenpflegerisch geschult zwar, und doch - wohl wegen der Blutsverwandtschaft - sehr überrascht, daß mich das Sterben zu beobachten derart mitnehmen mochte. "Ist wie ,Time Tunnel'", sagte Andi am Ende. "Time Tunnel" war damals eine beliebte TV-Serie, eine Spirale drehte sich zur Eröffnung, so eine, wie sie bisweilen auf dem Hamburger Dom zu sehen ist, an Verkaufsständen, die Speiseeis anbieten, Hypnose-Eis, vielleicht kennen Sie das.
Ein feiner Mensch, wohl über 190 Zentimeter groß, blond, gelockt und lang fiel sein Haar. Mittelstürmer war er, fuhr einen roten VW-Käfer der 1300er-Baureihe, installierte im Rahmen der Berufsausbildung manche Kupferleitung und anderes röhriges Gebilde, das Brauch- und Abwasser leitete. Seine Hände und Unterarme waren von Brandnarben gezeichnet, Zeugnisse übermütigen Umgangs mit Löt- und Schweißgerät. Er hätte jedes in der nahen Kleinstadt ansässige Mädchen haben können, junges Weibsvolk im Dorf war ihm ohnehin hörig. "Nur Muskeln", pflegte der Vater zu sagen, stolz.
Andi hatte Humor, den er mit scheinbar intellektuellem Defizit zu verbinden wußte. "Soll ich dir den Pedal ans Fahrrad bauen?" fragte er mich einmal, 14jährig und bereits in jungen Jahren um die korrekte Ausführung mechanischer Prozesse wissend. "Es heißt: das Pedal", entgegnete ich mit der Überheblichkeit des Gymnasiasten, der es nie zum Abschluß bringen sollte. "Du kannst ihn richtig sagen", antwortete Andi grinsend, "aber ich kann ihn anschrauben."
Nach der Messe standen Mutter und ich am Grab, in dem auch Vater ruht. "25 Jahre ist das her", überbrückte ich emotionale Hilflosigkeit. "Die Zeit vergeht aber nicht", sagte Mutter. Wir gingen heim.





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