Schön, daß du geboren bist!
Sommerabend. Gewittrig die Luft, Schwalben lassen sich auf meiner Hand nieder, Gemücke stellt sich Neuwahlen. Der Sohn hatte Geburtstag, jetzt ist es nach Mitternacht, Vater gönnt sich Bier. Zwölf. Nein, nicht zwölf Biere, zwölf ist der Bub geworden. Der Zwölfbub, wie ich ihn nun nennen werde. Ein feiner Tag war das, ist immer noch gegenwärtig. Ganz früh in der Frühe erscheint die gute Freundin mit Backwerk und guter Laune: Kürbiskernbrötchen von Kamps und zwölf Muffins aus eigener Herstellung, kirschbasiert, wohlgeraten und mit je einer Kerze bestückt, stehen alsbald auf dem Tisch. Ich steuere Kamillentee, Kirschtomaten und Krabbensalat bei. Zweistimmig singen wir dem Knaben ein Lied, nehmen textlich Bezug auf die Tatsache, daß er irgendwann geboren wurde und daß man ihn sonst vermissen würde. Sehr.
Die gute Freundin verläßt uns; gegen Mittag fahren der Sohn und ich ins Kaifu, es ist einer von diesen heißen Tagen, an denen man guten Freundinnen nachtrauert, weil sie früher mal heiße Freundinnen waren. Das ist die Kunst: aus heißen Freundinnen gute Freundinnen werden zu lassen. Kostet nicht nur Kraft, sondern ist - so man ein rechter Kerl ist - eine feine Leistung. Wenn es klappt.
Im Kaifu liegen viele Speckmädchen herum. Wir lagern in der Nähe von zwei - wie ich schnell ihrem in der Heimatsprache geführten intimen Dialog entnehme - Schweizerinnen aus dem Kanton Uri, wohl jetzt im Raum Eimsbüttel ansässig, aber das hört nur der heraus, der sich von Haus aus für in Eimsbüttel lebende Schweizerinnen interessiert. "Süß, oder?" frage ich den Sohn. "Nicht blond", antwortet dieser. "Ich gehe mal ins Wasser, ja? Du mußt nicht mit." Ich sehe ihm beim Kopfsprung vom Beckenrand zu.
Tiefe Ruhe empfindet dabei der Vater, der um die Wassertiefe von 1,60 Meter weiß. Unruhe hingegen der Bademeister, der kurz zuvor ganz devot die blanken Brüste einer gelifteten Enddreißigerin mit Schutzfaktor 34 imprägniert hat und jetzt schimpft. Vermutlich schon zehn Jahre im Amt, der Bursche, noch kein Leben gerettet, das tut weh. In seinem Alter hatte ich bereits 14 Menschen eine Herzdruckmassage verabreicht, zwei von ihnen schreiben mir noch heute, beklagen sich über einen Dauerschmerz im Thorakalbereich.
Der Sohn ist guter Dinge, wir essen Pommes, reden über den Sinn von Zeugnissen. "Die Zeugnisse von Kindern erinnern schlußendlich die Eltern an ihre eigenen verpaßten Chancen", sage ich, ziehe den Bauch ein und stehe auf. "Ich gehe jetzt ins Wasser. Mußt nicht mitkommen."





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