Wie leicht, wie elegant!
Nijinsky-Gala: Die 31. Hamburger Ballett-Tage wurden mit einem grandiosen Tanz-Abend beendet.
Hamburg. Die vergangene Spielzeit wird, was die Zuschauerzahlen angeht, kaum zu überbieten sein. Damit gerät Ballettintendant John Neumeier regelrecht in eine Erfolgsfalle. Nur noch zwei mickerige Pünktchen trennen ihn von der 100-Prozent-Auslastungsmarke. Damit hängt die Meßlatte so hoch, daß sie kaum noch übersprungen werden kann. Die Nijinsky-Gala als krönender Abschluß der 31. Hamburger Ballett-Tage in der Staatsoper jedenfalls läßt den Schluß zu, daß es an den Zuschauern nicht liegt, wenn dieses Ziel nicht erreicht werden sollte.
Ein derart begeisterungsfähiges Publikum wie das Hamburger findet sich nämlich nur schwer. Und das betrifft nicht nur die Werke Neumeiers. Ballettklassiker wie Frederick Ashtons "La fille mal gardee" oder "La Bayadère" von Marius Petipa haben in der letzten Zeit einen wahren Besucher-Hype ausgelöst.
Dennoch. Deutliche Reserviertheit herrscht immer noch gegenüber kleinteiligen Programmen und Tanzensembles, deren Ruf bisher nicht wie Donnerhall an die Elbe gerollt ist. Dem wunderfeinen Birmingham Royal Ballet ist das im Rahmen der Ballett-Tage widerfahren. Man mußte die Hamburger nicht gerade hintragen, aber es waren doch massivere Anschubhilfen nötig, um sie zu ihrem Glück zu zwingen. Denn diese Compagnie verfügt über einen Schatz an Ashton-Choreographien wie kein anderes Ensemble weltweit.
Damit wären wir bei einem weiteren Knackpunkt: dem hierzulande weitgehend unterschätzten Frederick Ashton. Dieser englische Choreograph hat nicht nur mit seinem russisch-amerikanischen Kollegen George Balanchine das Geburtsjahr 1904 gemeinsam, beide haben die Ballettwelt des 20. Jahrhunderts gründlich beeinflußt. Und genau das wollte die hochinteressante, die Augen öffnende Nijinsky-Gala beweisen.
Neben Christopher Wheeldon und David Bintley hat sich auch John Neumeier von beiden inspirieren lassen.
Selbst wenn jetzt dessen Fans protestieren, weil sie Ashton in die Ecke des hoffnungslos veralteten Kitschiers abschieben möchten, der uns mit seinem weich fließenden, lyrisch sensitiven Stil nichts mehr zu sagen hat. Und ob er das hat! Vielleicht haben wir ja nur verlernt, in unserer von Grobreizen dominierten Zeit einen Sinn für die Klarheit und Reinheit seiner Handschrift zu entwickeln, in der weder Verschwiemeltes, noch verquere Bedeutsamkeit Platz haben. Das ist Tanz pur, der unheimlich schwer zu verwirklichen ist.
Nehmen wir beispielsweise "Monotones", diesen Pas de trois von himmlischer Poesie. Wie leicht, elegant und selbstverständlich ging Zenaida Yanowsky vom Royal Ballet London mit dem ihr vertrauten Stil um, während Jiri und Otto Bubenicek, die überragenden Ersten Solisten des Hamburg Ballett, in ihren weißen Kostümen eher fremdelten.
Ganz anders Silvia Azzoni und Alexandre Riabko. Sie setzten dem Pas de deux aus "Thais" tänzerische Glanzlichter auf und konnten sich mit den besten der angereisten Gäste mühelos messen. Unter denen nahm Molly Smolen vom Birmingham Royal Ballet in "Five Waltzes in the Manner of Isadora Duncan" eine überragende Sonderstellung ein. Bis in die Verbeugung verkörperte sie den Stil Ashtons im Sinne der Duncan grandios. Wer Agnès Letestu von der Pariser Oper nach der Pizzicato-Variation sich hat verbeugen sehen, der lernte zudem, wie die hohe Schule der Ballerinen-Reverence aussieht.
Die Letestu brillierte später noch mit dem vorzüglichen Ivan Urban in John Neumeiers wesentlicher Choreographie auf das "Adagietto" in Mahlers 5. Sinfonie.
Außerdem hatte der seine allzu lange, neckisch leichte Choreographie "Mozart 338" beigesteuert (die scheußlichen Schweißflecken in den Jil-Sander-Kostümen stören immer noch), aber auch als Eröffnungs-Coup den wie hingeweht schönen Pas de deux auf George Balanchines Komposition "Valse lente". Heather Jurgensen und Carsten Jung demonstrierten hier genau jene kristalline Klarheit und Einfachheit, die auch die handlungslosen Choreographien Balanchines zum unbestechlichen Prüfstein für jeden Tänzer machen, der nicht in der Tradition des Choreo-graphen erzogen wurde. Joelle Boulogne war nahe dran an der lupenreinen Perfektion im Glinka-Pas-de-trois. Entzückend wiederum die Schmonzette "A la Francaix", köstlich von "unseren" Tänzern ausgespielt. Mit welch charmantem Witz Balanchine hier romantisches Ballettvokabular konterkariert, das ist umwerfend.
Sehr viel deftiger, aber nicht weniger reizvoll zeigte sich Ashtons Choreographie "Tweedledum und Tweedledee" mit Tänzern des Birmingham Royal Ballet.
Daß John Neumeier David Bintleys phantastisch getanzte Choreographie "The Dance House" ebensowenig im Repertoire halten kann wie dessen "Hamlet" oder Christopher Wheeldons "After the Rain", ist schade, aber er sollte seinen Tänzern ermöglichen, die für die Gala einstudierten Balanchine-Choreographien als Repertoire-Stücke zu vervollkommnen. Die Philharmoniker dirigierte einer der besten Ballettdirigenten der Welt: Andre Presser.













