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Kultur & Live

"Wir brauchen große Ausstellungen"

Museen: Hubertus Gaßner, Chef des Museums Folkwang in Essen, wird ab 1. Februar Direktor der Kunsthalle. Welche Pläne hat er für Hamburg?

Essen. ABENDBLATT: Sie waren nur drei Jahre in Essen tätig. Ist das nicht etwas kurz, um wirklich gestalten zu können?

HUBERTUS GASSNER: Ich glaube, daß ich in dieser Zeit viel für das Museum Folkwang erreichen konnte. Ich habe die Sammlung zum Beispiel in München mit einer Ausstellung vorgestellt, die 270 000 Menschen gesehen haben, und die Cezanne-Ausstellung, die zeitgleich hier im Haus lief, hatte 380 000 Besucher. Das war schon ein großer Erfolg, mit dem wir auch Geld verdient haben. Daher konnten wir viel für die Infrastruktur des Museums tun, für die Erhaltung des Hauses und die Pflege der Sammlung.

ABENDBLATT: Warum haben Sie sich für Hamburg entschieden?

GASSNER: Ich habe von 1976 bis 1981 fünf sehr gute Jahre in Hamburg verbracht. Die Stadt ist mir daher in bester Erinnerung, und dann zählt natürlich die Qualität der Kunsthalle. Gewiß, auch Essen hat eine hervorragende Sammlung, doch diese beginnt erst um 1800. Demgegenüber ist das Spektrum in Hamburg viel größer: Dort habe ich von Meister Bertram bis zur Gegenwart alles.

ABENDBLATT: Planen Sie in Hamburg ähnlich große Sonderausstellungen wie in Essen?

GASSNER: Ja. Es wurde ja mal behauptet, die Zeit der Großausstellungen sei vorbei. Das war ein Irrtum.

ABENDBLATT: Obwohl die organisatorischen Rahmenbedingungen immer schwieriger werden.

GASSNER: Im Haus der Kunst, wo wir eine Großausstellung nach der anderen hatten, habe ich gelernt, daß man diese Probleme mit genügend Zuversicht, Begeisterung und fachlichem Wissen immer irgendwie bewältigt. Ich denke, man muß mindestens alle zwei Jahre eine richtige Großausstellung haben.

ABENDBLATT: An welche Besucherzahlen denken Sie dabei?

GASSNER: Etwa an die Größenordnung von 200 000. Aber vieles hängt natürlich vom Werbeetat ab: Unsere Cezanne-Ausstellung hatte 380 000 Besucher, ohne das große Werbebudget hätte dieselbe Ausstellung wahrscheinlich nur 50 000 gebracht.

ABENDBLATT: Und woher sollen die Mittel dafür kommen?

GASSNER: Wir müssen verstärkt Anstrengungen unternehmen, Sponsoren zu finden, die große Werbekampagnen tragen.

ABENDBLATT: Die Kunsthalle ist als Stiftung unterfinanziert. Haben Sie von der Kultursenatorin eine Zusicherung erhalten, daß dieses Problem gelöst wird?

GASSNER: Ich habe nur darum gebeten, das Haus entschuldet übernehmen zu können. Daran wird zur Zeit gearbeitet.

ABENDBLATT: Das ändert nichts an dem strukturellen Defizit.

GASSNER: Es gibt Kosten, die unveränderbar durch die Struktur bedingt sind. Am schönsten wäre es natürlich, wenn die Stadt das einsehen und entsprechend nachbessern würde. Geschieht das nicht, müssen wir entweder mehr Geld verdienen oder Leistungen kürzen.

ABENDBLATT: Aber vermutlich wollen Sie nicht gleich nach Amtsantritt Leistungen kürzen.

GASSNER: Es gibt schon seit Jahren Kürzungsvorschläge. Manches davon werden die Besucher kaum merken. Anderes, wie die jetzt erfolgte Abschaffung des Audioguides durch die ständige Sammlung, werde ich versuchen, rückgängig zu machen.

ABENDBLATT: Sie haben in Essen gute Erfahrungen mit Großsponsoren gemacht. Läßt sich so etwas auf Hamburg übertragen?

GASSNER: Hamburg hat eine andere Wirtschaftsstruktur. Dort sitzen viele Tochtergesellschaften, die nicht unbedingt das Interesse haben, vor Ort in die Kultur zu investieren. Obwohl auch in Essen die Situation nicht rosig ist, haben wir hier zumindest die Möglichkeit, mit zwei Großsponsoren - nämlich der RWE und E.on Ruhrgas - dauerhaft zusammenarbeiten zu können.

ABENDBLATT: Was heißt das?

GASSNER: Die RWE finanziert uns drei Ausstellungen pro Jahr, E.on Ruhrgas alle vier Jahre eine große. Da es ja in Hamburg E.on Hanse gibt, bin ich guter Hoffnung, diesen Konzern gewinnen zu können - erst einmal für eine Ausstellung, dann schauen wir weiter. Die erste Ausstellung, eine Kooperation mit Essen, soll bereits nächstes Jahr gezeigt werden.

ABENDBLATT: Zu welchem Thema?

GASSNER: Das kann ich im Moment noch nicht sagen.

ABENDBLATT: In welchen Kunstbereichen wollen Sie in den nächsten Jahren Akzente setzen?

GASSNER: Die Klassische Moderne läuft, was den Besuchererfolg betrifft, immer am besten. Hier hat Hamburg ja auch einiges zu bieten. Sicher muß man unterscheiden zwischen Ausstellungen, die Geld bringen, und solchen, die auf Grund des Sammlungsbestandes naheliegen. Da wir in Hamburg drei Häuser haben, können auch sehr verschiedene Akzente gesetzt werden. Sicher werde ich einen stärkeren Akzent auf die romantische Tradition und ihre Aktualität setzen.

ABENDBLATT: Finden Sie es richtig, daß es trotz knapper Kassen mit dem Tamm-Museum und weiteren Projekten in Hamburg einige Neugründungen geben wird?

GASSNER: Davon wird die Finanzierung der Kunsthalle nicht betroffen sein. Und grundsätzlich kann ich nur sagen: Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich denke, daß eine Vermehrung der Museen auch mehr Publikum von außen anlockt.

ABENDBLATT: Wird denn Hamburg von außen überhaupt als Museumsstadt wahrgenommen?

GASSNER: Nein, bisher kaum. Aber wenn sich hier etwas ändert - und ein diesbezügliches Engagement der Kultursenatorin ist ja zu spüren - , kann das auch der Kunsthalle nur nützen.

ABENDBLATT: Was halten Sie von der "Langen Nacht der Museen"?

GASSNER: Nicht viel, weil mein Bestreben darauf gerichtet ist, das Publikum an die Kunst heranzuführen. Wenn man 25 Museen in einer Nacht bewältigen will, ist das natürlich nicht zu machen. Dann wird das Museum nur zum Durchlauferhitzer und zur Event-Schleuder. Ich halte aber viel davon, die Museen zumindest einmal in der Woche nachts zu öffnen, damit sich die Menschen Kunst mit Muße ansehen können. ABENDBLATT: Werden die Museen ihrem Bildungsauftrag gerecht?

GASSNER: Das klassische Bildungsbürgertum ist im Schwinden. Heute herrscht, um eine nur scheinbar paradoxe Formulierung von Walter Benjamin aufzugreifen, eine "zerstreute Aufmerksamkeit". In diesem Sinne können Museen Orte des Flanierens sein, in denen man immer wieder zu Konzentrationspunkten gelangt. Wir haben den Slogan gefunden "Kontakthof Kunsthalle". Das klingt provokant, trifft aber den Kern der Sache.

ABENDBLATT: Gibt es ein Werk der Kunsthalle, das Sie besonders lieben?

GASSNER: Der "Morgen" von Runge - auf Grund seiner Komplexität und der Aufbruchstimmung, die dieses Bild vermittelt. Es hat etwas Revolutionäres - und daß dieses weiblich geprägt ist, finde ich um so schöner.

ABENDBLATT: Zum Schluß noch eine Frage zum aktuellen Kunstbetrieb: Auf der Biennale in Venedig kann eine Großskulptur von Georg Schneider nun doch nicht gezeigt werden, weil sie an die Kaaba in Mekka erinnert - und deshalb die Gefühle von Moslems verletzen könnte. Sie hatten mal ein ähnliches Problem.

GASSNER: Wir hatten hier in der Ausstellung mit dem Titel "Klopfzeichen" eine ironisch zu verstehende Installation von Georg Herold, die den Titel "Mekka" trug. Das führte zu einer Demonstration von etwa 300 Islam-Anhängern und Ausländervertretern, die das Kunstwerk entfernen oder zerstören wollten. Wir fanden einen Kompromiß, der darin bestand, das Werk umzubenennen. Es hieß dann "Mokka" - und das Problem war gelöst. Ich laß mir aber nichts verbieten: Denn Toleranz gegen Intoleranz darf es nicht geben.

 

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