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Kultur & Live

Auszüge aus der Eröffnungsrede

Medien als Akteure im politischen Prozeß" ist das Thema von Gesine Schwan. Wir drucken Auszüge aus ihrer Eröffnungsrede auf den 38. Mainzer Tagen der Fernsehkritik:

Die Massenmedien führen uns die Welt vor, holen sie uns ins Wohnzimmer, doch sie lassen uns eben nicht mit ihr allein, sondern fordern uns dazu auf, zum Gehörten und Gesehenen Stellung zu beziehen. Zwar bringt uns als Zuschauer das Fernsehen potentiell in eine bizarre Situation, da es uns zwingt, das Unglück und die Katastrophen der Welt aus der Sicherheit des heimischen Wohnzimmers zu verfolgen, doch bietet es gleichzeitig die Möglichkeit der Bewältigung und Bearbeitung. ( . . . ) Woher sollen wir Wissen und Erfahrungen über das uns Umgebende nehmen, wenn nicht aus dem Fernsehen? Wie soll eine Öffentlichkeit - ganz gleich, ob lokal, national oder global - noch organisiert werden, wenn nicht über die Medien? ( . . . ) Um das Potential der elektronischen Medien in dieser Form gebrauchen und nutzen zu können, bedarf es allerdings einiger Voraussetzungen. ( . . . ) Ich habe im Moment den Eindruck, daß sich das deutsche Medienpublikum in recht problematischer Weise in Info-Eliten und unkritische Couch-Potatoes spaltet, da neben vielen hochqualitativen Angeboten mittlerweile unzählige Formate stehen, die weder mit Information noch mit Unterhaltung irgend etwas zu tun haben und anscheinend nur dazu da sind, die Geschmacksgrenzen der Zuschauer auszutesten. Nicht nur die Medienpädagogik, sondern auch die Medien selber sind dazu aufgerufen, gegen eine weitere Zunahme dieses zweiten Typus von Fernsehen anzugehen. ( . . . ) Ich möchte meine Kritik auf die folgenden Punkte verdichten: 1. Dem Fernsehen wohnt ein Hang zum Negativismus inne, der sich gerade in der momentanen Situation umfassender gesellschaftlicher Reformen negativ auswirkt. 2. Dies stellt die Verläßlichkeit in die Zurechenbarkeit des Medienhandelns in Frage. 3. Der "Code der Medien" macht es für den Zuschauer schwierig, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. 4. Journalisten arbeiten nicht nur für ihr Publikum, sondern orientieren sich immer stärker an der Medienkonkurrenz. Ausschlaggebend für die Berichterstattung ist oftmals nicht mehr, welches Informationsbedürfnis der Zuschauer oder Leser hat, sondern wie die Kollegen und vor allem die Konkurrenz eine vermeintlich exklusive Nachricht bewerten. 5. Medien werden selbst zunehmend zu politischen Akteuren und schaffen die von ihnen gespiegelten Diskurse selbst. 6. Dies wirft die Frage nach der gesellschaftlichen Legitimation des Journalismus auf. ( . . . ) Nur mit einer breiten gesellschaftlichen Diskussion können wir sicherstellen, daß die Medien als generalisierte Vertrauensunternehmer auch weiterhin insgesamt recht gut funktionieren.

Mit freundlicher Genehmigung von Gesine Schwan und dem ZDF

 

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