Wie Hamburger 1945 erlebten
Erinnerungen: Was bewegt Zeitzeugen, sich zu erinnern? Ein Gespräch zur großen Abendblatt-Serie "Kriegsende in Hamburg", die morgen beginnt.
Hamburg. Wer das Kriegsende vor 60 Jahren selbst miterlebt hat, ist heute alt. Der Jahrestag bietet wahrscheinlich die letzte Chance für ein kollektives Erinnern jener, die den Untergang des Dritten Reichs persönlich miterlebt haben. Als Ortwin Pelc, Oberkustos am Museum für Hamburgische Geschichte, vor mehr als einem Jahr eine Ausstellung zum Kriegsende in Hamburg plante, wandte sich die Autorin und Hörbuch-Produzentin Christiane Zwick mit der Idee an ihn, Hamburger, die schon damals in der Stadt gelebt haben, systematisch zu befragen. Im Oktober 2004 rief das Abendblatt Zeitzeugen auf, sich im Museum zu melden. Daraus entstanden ein Hörbuch, ein Buch und eine große Ausstellung, die am 27. April eröffnet wird. Morgen startet das Abendblatt eine Serie zum Kriegsende in Hamburg mit Auszügen aus den Erinnerungen der Zeitzeugen. Wir sprachen mit Christiane Zwick und Ortwin Pelc.
ABENDBLATT: Was geschah nach dem Abendblatt-Aufruf?
ORTWIN PELC: Danach trafen hier etwa 320 Briefe von Zeitzeugen ein, meistens älterer Menschen, die damals natürlich Kinder waren und nun ihre Erlebnisse schildern wollten. Wir mußten diese Informationsangebote natürlich kanalisieren und fragen, ob es wirklich um das Kriegsende ging oder eher um den gesamten Krieg oder die schwere Zeit danach. Mit vielen von ihnen sind wir dann ins Gespräch gekommen.
ABENDBLATT: Haben Sie die Menschen mit dem Tonbandgerät zu Hause besucht?
CHRISTIANE ZWICK: Einige sind ins Museum gekommen, aber die meisten haben wir tatsächlich zu Hause besucht. Durch die Briefe wußten wir schon vorher, welcher Art die Erinnerungen sein würden.
ABENDBLATT: Was hat Sie besonders beeindruckt?
PELC: Vor allem, wie unterschiedlich die Menschen den Einmarsch der Engländer, die Kapitulation und die erste Zeit der Besatzung erlebt haben und welche unterschiedlichen Interessen sie damals hatten.
ABENDBLATT: Wie kam es zu der so differenzierten Wahrnehmung?
PELC: Es besteht ein Unterschied, ob man als Hamburger, als Flüchtling oder als Zwangsarbeiter in der Stadt lebte. Entscheidend war aber auch, wo man in Hamburg wohnte - in der Grindelallee oder in Volksdorf oder Rahlstedt. Damit entschied sich, wie man die britische Besatzung wahrnahm, nämlich sehr direkt oder mit mehr Distanz.
ZWICK: Entscheidend war auch, ob man ausgebombt war oder in einer Villa lebte . . .
ABENDBLATT: . . . aus der man vielleicht innerhalb von Stunden ausziehen mußte, weil die Besatzungsbehörden sie beschlagnahmten . . .
PELC: Ja, solche Erfahrungen wurden auch berichtet. Interessant sind die unterschiedlichen Blickwinkel jener Menschen, die ein historisches Ereignis gleichzeitig erlebt haben.
ABENDBLATT: Aber wie authentisch kann heute noch Erinnerung an ein Ereignis sein, das inzwischen 60 Jahre zurückliegt? Spielt da nicht sehr viel nachträgliches Wissen mit hinein?
ZWICK: Das ist ein ganz bekannter Effekt. Andererseits spielt der Rückblick für die Menschen, mit denen wir jetzt gesprochen haben, auch eine ganz besondere Rolle: Sie waren damals in einem Alter, in dem sich das Erlebte ganz besonders gut einprägt. Es ist die Zeit, in denen sich Persönlichkeiten formen - also das Alter zwischen 15 und 23 Jahren.
ABENDBLATT: Waren die Gespräche manchmal sehr emotional?
PELC: Es gab Situationen, in denen die Menschen zu weinen anfingen und wir das Interview erst einmal abbrechen mußten. Der große zeitliche Abstand hat aber auch dazu geführt, daß man über manche Dinge heute offener sprechen kann.
ABENDBLATT: Zum Beispiel?
PELC: Über den Begriff Befreiung. Bis in die 80er Jahre galt Befreiung noch als politisch nicht korrekt. Das hat sich erst mit Weizsäckers Rede von 1985 geändert.
ABENDBLATT: Warum reden die Menschen gerade jetzt? Ist es das Empfinden, an einem Punkt zu stehen, an dem eigenes Erleben im Begriff ist, endgültig Teil von Geschichte zu werden?
ZWICK: Viele Menschen haben inzwischen festgestellt, daß sie über ihr Erleben erzählen können, ohne gleich mit Schuldvorwürfen überschüttet zu werden. Außerdem sagen sie sich: "Ich möchte noch einmal meine Sicht der Dinge erzählen. Ich weiß zwar, was in den Geschichtsbüchern steht, aber was ich erlebt habe, ist auch wichtig."




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