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Kultur & Live

Hollywoods Eisgöttin

Kino: Warum Nicole Kidman derzeit der größte weibliche Filmstar ist.

Berlin/Hamburg. Eine seltsame Spannung lag in der Luft im Berliner Adlon-Hotel. Es schien, als hätten die Filmjournalisten im Saal alle die gleiche Frage auf der Stirn. Wird ein Licht aufscheinen? Eine Wahrheit sich offenbaren, sobald sie den Saal betritt? Und als Nicole Kidman schließlich auf hohen Hacken zum Podium schreitet, ist es doch ein wenig unheimlich. Die fast durchsichtig blasse Haut verhüllt im strengen dunklen Hosenanzug, die blonden Locken bis auf eine neckische Strähne gebändigt. Der Star lächelt verlegen. Es ist nicht das eisige Lächeln, das der "Porzellanheiligen" so gerne angedichtet wird.

Mit Regisseur Sydney Pollack ist sie gekommen, um ihren neuen Film "Die Dolmetscherin" vorzustellen. Einen packenden Politthriller, in dem sie eine Uno-Dolmetscherin spielt, die zufällig von einem Mordkomplott hört. Und die von Sean Penn als FBI-Agent erst beschützt und dann als Verdächtige gejagt wird. Eine Figur wie ein Mantel mit vielen Taschen, voller Geheimnisse und einem farbenreichen Innenleben. Mit Rollen wie dieser hangelte sich die Australierin fast heimlich zu Hollywoods größtem weiblichen Star empor. Umworben von Regisseuren, umschwärmt von Modeschöpfern wie Karl Lagerfeld für ihr "einzigartiges Niveau an Eleganz", vom Publikum bewundert, aber immer auch ein wenig argwöhnisch betrachtet. Zu kühl, zu unnahbar, denken viele.

Die 37jährige kokettiert mit Bescheidenheit: "Ich würde gar nicht von einer Karriere sprechen", sagt sie, "Für mich ist das eine Liebe." Hingeführt hätten sie Glück und viele Zufälle. Sicher ist, ihr Aufstieg kam spät und unerwartet. In den 80er Jahren kannte man die rotblonde, stupsnasige Nicole Kidman vor allem als Gattin des einflußreichen Hollywood-Beaus Tom Cruise. Sie dekorierte belanglose Filme, in denen sie darauf wartete, daß ihr Held von seinen Abenteuern zurückkehrte. Bis sie 1999 in Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" ihren Ehemann an die Wand spielte. "Stanley hat mich wachgerüttelt", sagt Kidman mit tiefer Stimme, "Er hat mich ermutigt und gab mir Selbstvertrauen, als ich kurz davor war, mit der Schauspielerei aufzuhören." Talent ist wichtig. Reicht in Hollywood allein aber noch lange nicht zum Startum. Kidmans Aufstieg zur Kinoikone ist untrennbar mit ihren privaten Katastrophen verbunden. Auf den in allen Gazetten breitgetretenen privaten Zusammenbruch mit Scheidung und Fehlgeburt folgte der berufliche Himmelsflug. Strategisch klug wählte die Mutter zweier Adoptivkinder eine vom Leben geprügelte Frauenfigur nach der nächsten. Und auf einmal erschien ihr irgendwie leeres, verschlossenes Gesicht grenzenlos verletzlich.

Sie war die lungenkranke Kurtisane Satine im Filmmusical "Moulin Rouge", die Mutter zweier lichtempfindlicher Kinder in "The Others", schließlich 2003 die depressive Schriftstellerin Virginia Woolf in "The Hours", wofür sie den Oscar erhielt. In "Dogville" wurde sie als Fremde Grace von einem Dorf erst aufgenommen dann gefoltert, in "Birth" traf sie ihren verstorbenen Mann in Gestalt eines Kindes wieder. Keine litt auf der Leinwand so schön wie sie.

Heute wird sie verehrt für ihren Mut und ihr Können. Geliebt, weil sie ihre persönliche Verletzung in Stärke umgewandelt hat. Kidman ist bekannt dafür, intuitiv mit jeder Faser in ihre Rollen einzutauchen. Für "Die Dolmetscherin" lernte sie Flöte spielen, Vespa fahren und die Phantasiesprache "Ku" akzentfrei zu sprechen. Privat nimmt sie derzeit Theologieunterricht. "Ich vertraue dem Regisseur, auch wenn er noch kein fertiges Drehbuch hat", bekennt Kidman und fummelt nervös an ihrem Brillantohrring. Eine Sekunde später ist sie voll konzentriert: "Wenn du mit einem Regisseur arbeitest, der gleichzeitig Autor ist, formt er den Charakter auf deinen Körper." Auch Wong Kar Wei, mit dem sie ab August arbeitet, hat noch kein Drehbuch.

Als die Australierin aus dem Saal schwebt, bleibt ein diffuser Glanz zurück. Sydney Pollack hat das Phänomen Nicole Kidman am Premierenabend treffend zusammengefaßt: "Abgesehen davon, daß sie schön und talentiert ist, hat sie das geheime Etwas, das die Kamera einfach liebt. Man kann es nicht beschreiben."

  • Die Dolmetscherin startet morgen in den Hamburger Kinos. Filmbesprechung morgen in Hamburg LIVE.

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