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Kultur & Live

Telemann hochexpressiv

Rene Jacobs in der Laeiszhalle

Hamburg. Eine Sternstunde erlebte die Laeiszhalle mit Telemanns Passionsmusik zu Jesu Sterbedrama nach dem hochexpressiven Text, den der Hamburger Ratsherr und Dichter Barthold Hinrich Brockes 1712 erstmals veröffentlichte. Alte-Musik-Spezialist Rene Jacobs wählte in der Reihe "Das Alte Werk" diese Brockes-Passion, in den Jahrzehnten nach ihrer Entstehung ein Muß in der Hamburger Kirchenmusik, an Stelle der Bachschen Passionen, die sich so erfolgreich in den Gehörgängen festgesetzt haben.

Kein populäres Programm, aber eines, das niemanden in der fast vollbesetzten Laeiszhalle unberührt ließ. Mit der Akademie für Alte Musik Berlin und dem RIAS-Kammerchor hatte Jacobs gut 60 Musiker mitgebracht, die nicht erst durch sein eher unspektakuläres Dirigat zusammengehalten wurden, sondern in jeder Note extremes Aufeinanderhören und einen sensationellen Ensemblegeist spüren ließen.

Jacobs setzte auf radikal entromantisiertes Musizieren. Sein Barockklang ist faszinierend transparent und überwiegend leise, man kann darin einzelnen Stimmen folgen und bis auf den Grund der Harmonik durchhören. Mit raschen Tempi nahm er den zahllosen Da-capo-Arien ihren Schrecken und präparierte aus der Musiksprache all das heraus, was die ausdrucksstarken Brockes-Verse ins rechte Licht rückte.

Höchstes Lob für die kluge Auswahl des Solistenquintetts: Johannes Chum als unbestechlich klarer Evangelist, Dietrich Henschel als Jesus, der mit zupackendem Baß das Passionsgeschehen durchlitt, aber auch nach den Worten der Propheten mitgestaltete, Kobie van Rensburg als Petrus, der atemloses Verleugnen und verzehrende Reue glaubwürdig gestaltete. Dazu Annette Dasch und Sandrine Piau, letztere hinreißend in den barocken Verzierungen, und Marie Claude Chappuis - zusammen ließen sie vergessen, daß die Musik Telemanns hier zwar ungewöhnliche Komplexität aufweist, Bachs Glaubenstiefe aber lange nicht erreicht. Ungewöhnlich laute Bravos und begeisterter Beifall waren der Lohn. Zu wünschen wäre, daß der NDR versucht, Jacobs 2006 mit einer Bach-Passion nach Hamburg zu locken.hjf

 

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