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Kultur & Live

"Pferde satteln, weiterreiten!"

Pop: Kaum einer glaubte an ihren Erfolg, jetzt kommt das zweite Album von Kettcar heraus - und ihre Plattenfirma mausert sich.

Hamburg. Es gibt Momente, die brennen sich in die Herzen derer ein, die dabei waren: Juli-Sonne 2003. Eine Bootsfahrt auf der Elbe. Der Himmel weit offen. Container künden von Fernweh. Fünf Männer auf dem Achterdeck erzählen in rockenden Popsongs von einer Sehnsucht, die im Scheitern steckt. Der Höhepunkt, eine Hymne: "An den Landungsbrücken raus, dieses Bild verdient Applaus", singt Marcus Wiebusch von der Hamburger Band Kettcar. Ein Konzert wie ein Familienausflug.

Um ihr Debüt "Du und wieviel von Deinen Freunden" zu veröffentlichen, ließ Kettcar die Majorlabel groß wie träge sein und gründete 2002 die Plattenfirma Grand Hotel van Cleef - gemeinsam mit Thees Uhlmann von der Band Tomte. Eine Geschichte, die mit Sperrmüllschränken auf St. Pauli begann - und mit wenigen, die an die Band glaubten. Mittlerweile hat sich der Erstling in Deutschland über 30 000mal verkauft. Sieben Acts sind bei Grand Hotel van Cleef unter Vertrag, 17 Titel auf dem Markt. Ein langsam wachsender, nachhaltiger Erfolg, der auf der engen Bindung zur Szene fußt: Einmal im Monat lädt das Label Freunde alternativer Gitarrenmusik in den Grünen Jäger - so auch vergangenen Sonnabend, als Hörproben des neuen Kettcar-Albums gefeiert wurden. Ab heute steht "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" in den Läden. Die Firma gibt Kettcar zwar Rückhalt. Doch die Produktion der Platte neben der Label-Arbeit war ein Kraftakt.

"Es ist gut, daß keine Manager da sind, die von dir einen Radiohit wie ,Die perfekte Welle' fordern", erklärt Wiebusch. Doch sein Drang, auch den Erwartungen der Fans zu genügen, läßt ihn noch nachts an Liedern feilen. Mit Swen Meyer, der bereits Bernd Begemann produzierte, schuf Kettcar elf Stücke, die im Vergleich zum Vorgänger reicher an Assoziationen sind. "Beim Songwriting für die erste Platte habe ich mich an meinem Seelenheil abgearbeitet, weil's mir schlecht ging", sagt Wiebusch.

"Das Gute an schlechten Zeiten: Pferde satteln, weiterreiten", kann der frischgebackene Vater eines Sohnes nun resümieren. Sein persönliches Glück spiegelt sich in der Vielfalt des Albums: "Ich habe mit ,Nacht' zum ersten Mal ein Liebeslied geschrieben", erzählt Wiebusch. Sein Bruder Lars spielt da ein ruhiges Piano-Intro zum Schlagzeug von Frank Tirado Rosales und zum Baß von Reimer Burstorff, während Erik Langers Gitarrenmelodie an Präsenz gewinnt, Streicher einsetzen und Wiebusch in rauher Stimme die "Welt in drei Wörtern erklärt".

Der Protagonist der Lieder lebt nach der Maxime "Mach immer, was dein Herz dir sagt". Ein Typ, der um die Existenz von Schwiegereltern weiß und sich dennoch die Freiheit nimmt, an deren Haus vorbeizufahren. Wiebusch kritisiert ohne Moralin Politik und Zeitgeist - wie in dem treibenden Opener "Deiche". Er übt sich in "Einer", aber auch im spröden Sprechgesang oder entwirft in "Stockhausen, Bill Gates und ich" eine absurde Szenerie samt Kinderchor. Musikalisches Verkünsteln wird Kettcars Sache nie sein. "Ich bin ein glühender Verehrer von Drei-Minuten-Popsongs, die wie Schlaglichter das Leben erhellen", sagt Wiebusch, der einst bei der Punk-Band But Alive spielte. Im Zentrum stehen Texte, die griffig bis ironisch Befindlichkeiten transportieren - Zeilen wie "Du bist Audrey Hepburn und ich Balu der Bär".

Trotz ihrer beruflichen Selbständigkeit sind Kettcar Überzeugungstäter geblieben, die sich in eigener Zeitrechnung bewegen: "Drei Erfahrungen später, fünf geplatzte Träume und gut und gerne ein verlorener Glaube" sind im Zweifelsfall wichtiger als jeder Businessplan.

  • Kettcar: Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen. Das Konzert am 8. 4., Große Freiheit 36, ist ausverkauft. Zusatzkonzert: 9. 4., www.kettcar.net

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