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Kultur & Live

Von Schuld und Unschuld, Leiden und Überleben

Echolot: Ein Vierteljahrhundert hat der Schriftsteller Walter Kempowski an seinem "kollektiven Tagebuch" gearbeitet. Jetzt ist der letzte Band erschienen.

Hamburg. Es gab Zeiten, in denen Walter Kempowski an dem Projekt fast verzweifelt ist, um sich dann doch immer wieder in die Pflicht zu nehmen und weiter daran zu arbeiten. Größenwahnsinnig, undurchführbar, unverkäuflich, uninteressant - lauteten die Urteile, mit denen Außenstehende das Scheitern seiner "Echolot"-Idee beschworen. Wirklich beeindruckt hat ihn das nicht. Unbeirrbar und stur, leidenschaftlich und mit der Manie eines Sammlers hat er seit einem Vierteljahrhundert fremdes Leben aufgespürt, die Stimmen der Toten, Zeugnisse von Opfern und Tätern: veröffentlichte, weit mehr aber unveröffentlichte Tagebücher, Erinnerungen, Alltagszeugnisse, Briefe, Notizen. Mit Unterstützung weniger Mitarbeiter entstand dabei in seinem abgeschiedenen Haus in Nartum bei Bremen "Das Echolot", eine einzigartige Edition, in der der heute 75jährige über Tausende von Buchseiten die vielen einzelnen Stimmen zu einem großen Chor vereint hat. Bewußt verzichtete der Autor des vielgelesenen Romanzyklus "Deutsche Chronik" dabei auf eigene Texte, beschränkte sich allein auf die An- und Zuordnung des von ihm gesammelten Materials, das er dem Vergessen entreißen will.

Heute kommt Walter Kempowski ins restlos ausverkaufte Hamburger Literaturhaus, um den zehnten und letzten Band des "Echolot"-Zyklus im Gespräch mit "Spiegel"-Literaturredakteur Volker Hage vorzustellen. "Abgesang '45" ist erst vor wenigen Tagen erschienen; der abschließende Band des "kollektiven Tagebuchs" umfaßt den Zeitraum von Hitlers letztem Geburtstag am 20. April bis zum Kriegsende am 9. Mai 1945:

"Führers Geburtstag" war ein Freitag. Die Losung der Herrnhuter Brüdergemeine, die Kempowski jedem Tag voranstellt, verzeichnete für diesen Tag einen Vers aus dem Buch Nehemia: "Den Feinden entfiel der Mut, denn sie merkten, daß dies Werk von Gott war." Goebbels gab sich in seiner Rundfunkansprache prophetisch: "Deutschland wird nach diesem Kriege in wenigen Jahren aufblühen wie nie zuvor." Der Unteroffizier Bruno J. Paap, der mit seiner Einheit in Wittenberge an der Elbe lag, notierte: "Der Bataillonsstab hatte die Idee, mich an Hitlers Geburtstag mit Wirkung ab 1. 4. 45 zum Feldwebel zu befördern. Hierauf war ich gar nicht mehr stolz, war es leid."

Die gerade 20 Jahre alte Ostarbeiterin Nina Mursina schrieb in ihr Tagebuch: "Über zwei Jahre habe ich für ,Großdeutschland' gearbeitet. An diese Sklaverei will ich mich lieber nicht erinnern. Ich weinte jede Nacht und träumte von zu Hause, das ich nicht mehr hatte." Am selben Tag berichtete die "Neue Zürcher Zeitung", daß die amerikanischen Infanteristen, die nach Leipzig einzogen, "von der Bevölkerung mit Jubel und Begeisterung begrüßt wurden. Stellenweise wurden die Truppen mit Blumen überschüttet". Ebenfalls aus Leipzig berichtete die amerikanische Fotografin Magaret Bourke-White, wie sie im Rathaus die Leichen von Nazi-Funktionären und ihren Familien vorfand: "Auf den massiven Ledermöbeln lehnte eine Familiengruppe, die so intim und so lebendig wirkte, daß man kaum glauben konnte, daß diese Menschen nicht mehr am Leben waren. Am Schreibtisch saß Dr. Kurt Lisso, den Kopf in die Hände gelegt, als ob er ausruhen wollte. Auf dem Sofa lag seine Tochter, und in dem dickgepolsterten Armsessel saß seine Frau. Die Ausweise und Dokumente der ganzen Familie waren ordentlich auf dem Schreibtisch ausgebreitet."

Kommentarlos und doch beziehungsreich hat Kempowski die einzelnen Erlebnisse, Selbstzeugnisse, Erinnerungen und Augenzeugenberichte von einigen Prominenten und vielen Namenlosen zu einem Chor der Erinnerung zusammengefügt, der die Gegensätzlichkeit des Gleichzeitigen begreifbar werden läßt.

Was es für Nazi-Größen und KZ-Häftlinge, für einfache Parteigenossen und Zwangsarbeiter, für Soldaten aller Armeen, aber auch für Hausfrauen und Kinder bedeutet hat, die allerletzte Phase des Kriegs zu erleben, wird in Kempowskis Schicksalscollage mit ihren unentwegten Perspektivwechseln auf oft beklemmende Weise faßbar.

"Echolot" erklärt nicht die Ursachen für Nationalsozialismus und Krieg, schildert aber mit wahrhaft atemberaubender Authentizität, wie Menschen in dieser Zeit gelebt haben. Wie sie andere leiden ließen oder selbst gelitten haben, wie sie Unheil anrichteten oder Spielball von verhängnisvollen Entwicklungen wurden, auf die sie keinen Einfluß hatten. Was Krieg bedeutet, wie man schuldig wird oder unschuldig leidet - das sind die großen Themen in Kempowskis Projekt, das er selbst einmal "Spurensicherungsmuseum" genannt hat.

 

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