"Willst du tanzen - oder willst du lieber gehn . . . "
Nahaufnahme: Wie ein Engel Marius Müller-Westernhagen zum neuen Album inspirierte. Eine kuriose Plattenpremiere mit CD-Player.
Essen. Man hätte am Dienstag abend auch vor dem Fernseher sitzen und die ARD-Serie "Um Himmels Willen" gucken können. Weil einem dabei aber niemand Austern und Schampus in die Hand gedrückt hätte, stand man also statt dessen mit etwa 300 anderen Journalisten in einer ehemaligen Kohlenzeche in Essen und wunderte sich ein bißchen. Warum ein Künstler, der in Hamburg lebt, dessen Plattenfirma sich in Hamburg befindet und dessen Show eine Hamburger Eventagentur organisiert hatte, sein neues Album ausgerechnet im Ruhrpott präsentierte, zum Beispiel. Dabei hätte man natürlich froh sein sollen, daß der Künstler sein Album überhaupt präsentierte, denn eigentlich war Marius Müller-Westernhagen krank.
Morgens hatte er, nach zwei Tagen "Erkältung plus Erweiterungen", noch eine Infusion gekriegt. "Nichts Dramatisches", versicherte Balou, sein Manager. Bloß eine dieser Infusionen, die man halt ab und an verpaßt kriegt, wenn gerade kein Orangensaft im Haus ist. "Nahaufnahme" heißt Westernhagens 22. Platte, mit der er sich nach seiner letzten Abschiedstournee zurück ins Rampenlicht wagte. Was den rund 300 Premierengästen in Essen eine bizarre Show bescherte.
Black. Spot auf Romney, Westernhagens Ehefrau. Stumm geht sie über die weitgehend leere Bühne, enthüllt einen silbergrauen CD-Player, geht ab. Black. Spot auf Westernhagen. Stumm geht auch er über die Bühne, schaltet den CD-Player ein, geht wieder ab. Black. Die Musik beginnt, und Scheinwerfer tauchen den CD-Player in farbiges Licht. Sonst passiert - nichts. Eine Stunde lang. 14 Songs. Davon 13 Balladen. "Wir nehmen so lange auf, bis ein Engel durchs Zimmer geht", wird Westernhagen später über die Entstehung seiner Platte erzählen. "Und schon am ersten Tag ist einer gekommen, und der ist dann gleich sitzen geblieben."
Den schwülstigen Klängen und pathetischen Texten nach zu urteilen, muß der Engel das Studio mit einer Hotelbar verwechselt haben. Die Songs auf "Nahaufnahme" sind Schlager in Slow-Motion. "Versuch dich zu erinnern", heißt der erste, passend zum Comebackversuch. Ein langsamer Cha-Cha-Cha. Es folgen Walzer, Rumba und mit dem Stück "Ignoranz" noch einmal Cha-Cha-Cha: "War es bin Laden . . . (Cha-Cha-Cha) . . . Die Achse des Bösen . . . (Cha-Cha-Cha)". Tanzschulen sollten schon mal vorbestellen. In der Kohlenzeche in Essen hingegen mutet es etwas eigenartig an, wie ein Publikum eine Stunde lang auf einen kleinen, silbergrauen CD-Player starrt, während Westerhagens Stimme vom Band munter "Meer" auf "vermehrn" reimt. Aber wie soll einer sich auch aufs Musikmachen konzentrieren, wenn da die ganze Zeit ein Engel im Studio herumlungert?
"Willst du tanzen - Mit mir tanzen - Oder willst du lieber gehn . . . ", singt Westernhagen. Lieber gehn. Beim siebten Song verlassen die ersten Zuhörer den Saal. Und verpassen das Interview, das der Künstler auf der Bühne gibt. Neben dem CD-Player. Um die dünnen Beinchen flattern Nadelstreifen. Ein bißchen sieht er aus wie eine kuriose Kreuzung zwischen dem abgemagerten Karl Lagerfeld und Kim Jong II, eine enorme schwarzgetönte Brille verleiht ihm etwas Geisterhaftes. Er habe, sagt er, "nie daran gedacht, eine Platte zu machen, die verkauft werden soll". Was man mit gewisser Erleichterung zur Kenntnis nimmt.
Daran, daß Westernhagen überhaupt wieder auf die Bühne geht, ist übrigens Sting schuld. Der nämlich hat Westernhagen nach fünf Jahren Bühnenabstinenz ein ganz "schlechtes Gewissen" gemacht: "Ich habe in London bei einem Sting-Konzert gesehen, wieviel die Musik den Menschen bedeutet." Lustig nur, daß Westernhagen dabei gar nicht bemerkt hat, daß Sting ja Sting-Songs gespielt hat und nicht Westernhagen-Songs.
Sehr viel mehr sagt er nicht, aber schließlich ist er ja auch krank. "Schweige still, schweige still - Jedes Wort wär zuviel", um es mal mit Westernhagens eigenem Text zu beschreiben.
Später, bei Scampi, Austern und Sushi, mischte sich der Künstler dann doch ein wenig unters Volk. Blaß und dünn. Ein bißchen fürchtete man, er würde sich nun auch noch einen Eiweißschock holen. Dem Engel übrigens war das egal. Der verließ die Kohlenzeche am frühen Morgen mit einer der Kellnerinnen.



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