Musik(er) für morgen
SCHULPROJEKT: "Eine Reise in die Musik des 21. Jahrhunderts" bringt Kinder und Komponisten zusammen.
Hamburg. Der E-Musik-Betrieb in Deutschland krankt seit geraumer Zeit an einem Nachwuchs-Problem: Weil jüngere Zuhörer wegbleiben, ist sein Publikum einem scheinbar unaufhaltsamen Alterungsprozess unterworfen. Besonders eklatant ist die Lage in Konzerten mit Neuer Musik, in denen sich häufig der immer gleiche Zirkel von Eingeweihten trifft. Um diesen Zustand zu ändern, hat der Hamburger Landesmusikrat (LMR) im Jahr 2000 das Projekt "Eine Reise in die Musik des 21. Jahrhunderts" ins Leben gerufen, in dessen Rahmen eine Kooperation zeitgenössischer Komponisten mit ausgewählten Schulklassen stattfand. Zu Beginn des derzeit laufenden Schuljahres ging die Veranstaltung in ihre zweite Saison. 13 Komponistinnen und Komponisten konnten den Bewerbern zugeordnet werden. Dabei legte die Geschäftsführerin des LMR, Ute Hermann, großen Wert auf eine nach sozialen Gesichtspunkten ausgewogene Verteilung, damit das Projekt nicht allein den ohnehin musisch vorgebildeten Kindern gut situierter Elternhäuser zugute kommt. So war etwa der Wiener Komponist Karlheinz Essl - ein international renommierter Tonkünstler, der mehrfach als Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik aufgetreten ist - Anfang Februar in der Gesamtschule Mümmelmannsberg zu Gast. Mit einer elften Klasse arbeitete er dort an einem von ihm eigens konzipierten Stück, in dem die Schüler nach computergesteuerten Zeitabläufen Geräusche zu erzeugen hatten: Luftballon-Quietschen, Zeitungsrascheln und anderes mehr. Zunächst begleiteten die eher Hip-Hop-orientierten Kids diese etwas andere Ensemble-Probe mit einigem Gekicher. Doch als vier Mädchen nachmittags die Gelegenheit hatten, allein mit den unterschiedlichen Klangmöglichkeiten von Waschbrettern zu experimentieren, entstand eine Atmosphäre aufmerksamen Zuhörens, von musikalischer Kommunikation. Und genau darum ging es bei der Veranstaltung ja auch, wie Musiklehrerin Dorothea Kaufmann sagt: "Ziel war es nicht, das alles zur Lieblingsmusik der Schüler zu machen, sondern ihre Ohren für Neues zu öffnen und Sensibilität für andere Klänge zu wecken." Zwei Monate später und einige Kilometer weiter westlich, im Musikraum des Luruper Goethe-Gymnasiums, widmete sich auch der Hamburger Komponist Burkhard Friedrich diesem Anliegen: Nach seiner Vorgabe hatten die zehn Mitglieder des Musik-Leistungskurses ihren Schulweg mit dem Kassettenrekorder belauscht und versuchten nun, die aufgezeichneten Sounds wie Flugzeuglärm oder Autobahngeräusche möglichst genau zu notieren, um sie mit Instrumenten nachzuahmen. In rund 20 Schulstunden wurden die Imitationen so weit verfeinert, dass Original und Fälschung in der zwölfminütigen Endfassung von "sound copies" kaum noch zu unterscheiden sind. Nicht nur auf Grund des künstlerischen Resultats - das beim heutigen Abschlusskonzert in der Kleinen Musikhalle mit sechs anderen Projektergebnissen präsentiert wird - bewertet Friedrich die Zusammenarbeit mit dem Kurs und dessen Musiklehrerin Astrid Demattia rückblickend als äußerst fruchtbar: "Die Schüler haben sich von Anfang an vorurteilslos auf mein Konzept eingelassen, obwohl sie bis dahin kaum mit zeitgenössischer Musik in Berührung gekommen waren." Auf ähnliche Weise wie seine Kollegen hat auch Wolfgang Knuth, der die mit Abstand jüngsten "Reise"-Teilnehmer begleitete, den Umgang mit Umweltgeräuschen zur Grundlage seiner Arbeit gemacht: Als der Komponist Anfang Juni in der Barmbeker Kindertagesstätte Tieloh zu Gast war, nahm er mit jedem der rund 30 Drei- bis Fünfjährigen eine Kassette von selbst gewählten Alltagsklängen auf, aus denen am Ende der Woche via Mischpult eine Soundcollage gebastelt wurde. Und schon nach zwei Tagen war eine gewachsene Aufmerksamkeit für akustische Phänomene ihrer Umgebung zu beobachten. So, wie es in Barmbek, Lurup und Mü'berg der Fall ist, so berichten die Teilnehmer auch andernorts von einer erlernten Bereitschaft, dem (nicht nur akustisch) Neuen, Fremden und Ungewohnten zu begegnen. Dennoch kann es sein, dass die pädagogisch wertvolle Bildungsreise schon bald vorbei ist: Ob der LMR im kommenden Haushalt einen Projektetat erhält, mit dem die Kosten von rund 25 000 Euro abgedeckt werden können, ist derzeit unklar.



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