Die Mutter aller Serien
Jubiläum: 1000 Folgen, eine Hochzeit und reihenweise Todesfälle.
Serie: Lindenstraße. So, 18.40 Uhr ARD
2005 ist ein Jahr zum Feiern; zumindest für die Fans der "Lindenstraße". Im Dezember ist die wöchentliche Serie seit zwanzig Jahren auf Sendung, und an diesem Sonntag knallen bereits die ersten Korken: Da zeigt das Erste die 1000. Folge. Ein großer Tag, auch für die Bewohner jenes unscheinbaren Münchner Straßenzugs, der sich in Wirklichkeit im Kölner Stadtteil Bocklemünd befindet: Während der Hochzeit von Jan und Iffi will sich Olaf Kling blutig an diversen Nachbarinnen rächen.
Natürlich wird es keine Toten geben. Andererseits kann man sich beim Erfinder der "Mutter aller deutschen Seifenopern", Hans W. Geißendörfer, nie sicher sein, zumal die Straße eine erschreckend hohe Mortalitätsrate hat: Von den bislang 131 Hauptfiguren haben bereits 31 das Zeitliche gesegnet; das ist fast jeder vierte. In der Regel stirbt man hier eines unnatürlichen Todes. Autounfälle und Busunglücke führen die Statistik an, Selbstmorde sind gleichfalls nichts Ungewöhnliches; der eine oder andere wurde auch erstochen oder erschlagen, ein Junge Opfer eines Triebtäters. Völlig aus dem Rahmen fiel ein Mann, der im Pflegeheim an Altersschwäche verschieden ist.
Natürlich muß das so sein. Wenn das Fernsehen so wäre wie der Alltag, könnte man ja auch aus dem Fenster schauen. Im Unterschied zu den hoffnungslos übertriebenen und dadurch völlig lebensfremden Geschichten aus "Dallas" oder "Denver", die Anfang der Achtzigerjahre der "Lindenstraße" den Erfolgsweg ebneten, sind die Geschichten aus München Deutschland pur: ein Zerrspiegel vielleicht, aber auf jeden Fall ein Spiegel. All jene Konflikte, die das Land im Großen und im Kleinen erschüttern, gibt's in diesem Mikrokosmos auch; übersteigert, aber erkennbar. Aids, Rechtsextremismus, Terrorismus, Drogen, Arbeitslosigkeit, Bulimie: Gerade in der "Lindenstraße" bleibt man von den Geißeln der Gesellschaft nicht verschont.
Übrigens ist die Ähnlichkeit zum deutschen Alltag eigentlich verblüffend, denn Geißendörfer lebt in London. Dort schaut er regelmäßig "Coronation Street", das britische Vorbild für die "Lindenstraße". Womöglich blicken die Fans also gar nicht in einen Zerrspiegel der deutschen Gesellschaft, sondern werden bloß Zeuge eines Echos, das "Coronation Street" in Geißendörfers Kopf hinterläßt. Dennoch erreicht die Serie Sonntag für Sonntag um 18.40 Uhr ein ungewöhnlich homogenes Publikum: Alt und Jung, Reich und Arm, Viel- und Wenigseher, Arbeiter und Akademiker. Wenn also schon nicht die Serie ein getreues Abbild der Gesellschaft bietet: Die fünf Millionen Zuschauer tun es auf jeden Fall. Daß es zu Beginn mehr als 10 Millionen mehr waren, kann Geißendörfer erklären: "Früher hatten wir drei Sender, heute über 40. Der Kuchen, den es zu verteilen gibt, ist immer kleiner geworden."




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