Schönberg als Arrangeur
Wiener Schule: Wie Schönberg, Webern und Berg ihre und andere Werke aufführten.
Hamburg. Arnold Schönberg griff zur Selbsthilfe: Nachdem viele seiner Werke nicht zuletzt wegen des Unvermögens der Interpreten beim Wiener Publikum durchgefallen waren - und es handelte sich dabei wohlgemerkt nicht nur um atonale Musik -, organisierten der Komponist und seine Schüler wie Anton Webern und Alban Berg nach Ende des Ersten Weltkriegs eine eigene Kammermusikreihe. Sie gründeten 1918 den "Verein für musikalische Privataufführungen".
Jeweils Montagabend gab es im 200 Zuhörer fassenden Festsaal des Ingenieurs- und Architektenvereins im 1. Wiener Bezirk Konzerte mit Zeitgenössischer Musik in Originalbesetzungen oder Bearbeitungen. Bis zu 30 Proben wurden dafür angesetzt, die Interpreten waren erste Kräfte von der Hof- und der Volksoper, den führenden Orchestern und des Wiener Streichquartetts des Geigers Rudolf Kolisch, der sich mit seinem Kollegen Fritz Rothschild als Primarius abwechselte - was heute gang und gäbe ist, damals aber noch ungewöhnlich war.
Schönberg selbst wirkte nicht selten als Geiger und Cellist mit, desgleichen Berg und Webern als Pianisten oder am Harmonium. Die Proben wurden von "Vortragsmeistern" wie dem Vereinspräsidenten Schönberg und seinen Schülern geleitet und für die Zuhörer kommentiert. Beifalls- wie Unmutsäußerungen nicht nur dort, sondern auch an den Konzertabenden wurden ebenso untersagt wie öffentliche Kritik in der Presse. Zutritt hatten nur Vereinsmitglieder, doch konnte jeder Interessierte an der Abendkasse dem Verein beitreten.
Wie es da mitunter zuging, beschrieb Alban Berg in einem Brief über einen Johann-Strauß-Abend an einen Freund 1921: "Das war wohl sehr gelungen. Aber die Arbeit!!! Fünf fünfstündige Proben. In drei, vier Tagen so einen Riesenwalzer instrumentieren! Die Stimme herausschreiben! Der Wust von administrativen Vorarbeiten!! - Am Abend selbst verkauften wir - Schönberg und Frau, Webern und Trude, ich und Frau, Kolisch und andere Mitwirkende - im Turmzimmer Gedenkblätter, die zugleich als Eintrittskarten - von der Seitentür in den Saal - galten. Wer keines kaufte, mußte Spießruten laufen um das ganze Gebäude herum, um sich bei einer Kasse den Eintritt durch die Hintertür zu erkaufen."
Solche leichten Abende wie auch mal Walzer von Lanner waren die Ausnahme.
Bis zu seiner inflationsbedingten Auflösung 1921 hatte der Verein in 117 Konzerten 154 neue Werke - die weitaus meisten erstmals in Wien - aufgeführt. Das reichte von Bearbeitungen für Kammerorchester von Bruckners Siebter Sinfonie oder Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" für Flöte, Klarinette, Klavier, Harmonium, Glockenspiel und Streichquintett zu Strauss' "Alpensinfonie" und Mahler-Sinfonien für zwei Klaviere. Und nirgendwo sonst in jener Zeit konnte man fast das komplette Kammermusikschaffen von Bartok, Debussy, Ravel, Strawinsky, Reger oder Korngold in adäquater Qualität erleben.
Jetzt lassen Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters in einem Kammerkonzert die Wiener Vereinsmusik von damals an einem Sonntagmorgen wiederauferstehen.
27. Februar, Laeiszhalle/Musikhalle, Kleiner Saal, 11 Uhr. Kartentelefon 45 68 68.




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