"Wahnsinnig spannend beim Film, oder?"
Besuch am Set: Sebastian Schipper drehte einen Teil seines neuen Filmes "Ein Freund von mir" mit Daniel Brühl und Jürgen Vogel in Hamburg.
Hamburg. Wäre doch mal interessant zu erfahren, wie viele Polarexpeditionen so im Laufe eines Jahres von Polarexpeditionsausrüstern ausgerüstet werden. Da Polarexpeditionen kaum zum Breitensport zählen, dürften das, wenn man mal so nachzählt, nicht so arg viele sein. Wie sich Polarexpeditionsausrüster trotzdem über Wasser halten? Klarer Fall: durch Filmcrews. Selten sieht man - außerhalb von tatsächlichen Polarexpeditionen selbstverständlich - mehr Menschen in Polarexpeditionsausrüstung auf einem Haufen wie bei Dreharbeiten im Winter.
Neulich zum Beispiel. Im Parkhaus am Fuhlsbüttler Flughafen, am Set von Sebastian Schippers neuem Kinofilm "Ein Freund von mir". Ebene 7, Bereich A/B des größten Parkrondells Europas. Dessen Konstruktion sorgt dafür, daß der eiskalte Winterwind ungehindert im Kreis fegen kann. Wo man sich auch hinstellt, der Wind ist immer schon da. Ein Parkhaus ist schließlich kein Aufenthaltsraum. Sollte man meinen. Heute schon. Heute duckt sich ein mausgraues Zelt tapfer an eine Innenwand, um seine Insassen vor dem Wind (kaum vor der Kälte) zu schützen. Nur wer Kaffee, Espresso oder Tee aus den Thermoskannen will, die irgendein Schlaukopf vor dem Zelteingang aufgebaut hat, wagt sich hinaus. Und wer arbeiten muß natürlich. Dann in Arktis-Kluft.
Oder in einer S-Klasse mit Sitzheizung wie Daniel Brühl und Jürgen Vogel. Die männlichen Hauptrollen haben sich in eines der noblen Filmgefährte verzogen, während ein Trio aus der Maske dem Thalia-Schauspieler Peter Kurth, in einer Nebenrolle als Autovermieter zu sehen, ein Jesus-Tattoo und den Schriftzug "HELL" auf den Hals pinselt und ihn anschließend trockenfönt. Die Crew wirkt entspannt. Vogel ist für heute abgedreht, Brühl hat nur noch zwei Wörter zu sagen: "Ja, okay." Überschaubar.
"Wahnsinnig spannend beim Film, oder?" fragt Brühl, zieht die Nase kraus und ascht aus dem Beifahrer-Fenster. Er spielt den aufstrebenden Jung-Karrieristen Karl, der sich im Auftrag einer großen Versicherung als Aushilfe bei einer Autovermietung einschleicht. Dort lernt er, dem im Leben bislang alles zugeflogen ist, den Lebenskünstler und Freizeitphilosophen Hans (Jürgen Vogel) kennen, der ihn unter anderem in die Magie des Nacktporschefahrens bei 250 Stundenkilometern einweist und in die Kunst, zur richtigen Zeit die richtige Frau zu erkennen. Lamborghini fahren durfte Brühl auch, einen kanariengelben, "aber nur ganz kurz. Porsche war besser. Mehr Charakter." Könnte daran liegen, daß Brühl dabei nackt war.
Sechs oder sieben Klappen später hat Brühl, heute gut verpackt, sechs- oder siebenmal "Ja, okay" zu Peter Kurth gesagt. Schipper ist noch nicht zufrieden. Wieder und wieder läßt er seine Schauspieler dieselbe kleine Szene wiederholen. Mal soll Brühl von links kommen, dann wieder von rechts, dann ist Peter Kurth zu schnell, meistens ist er zu langsam. "Ja, okay", sagt Brühl geduldig, sobald die Kamera läuft, und albert in drehfreien Phasen mit den Masken- und Kostümbildnerinnen. "Schreib das auf!" ruft er, "Daniel Brühl kommt super bei den Frauen an!"
Ist aufgeschrieben. Kalt bleibt es trotzdem. Vogel hockt vor dem Regie-Monitor, Brühl schlendert umher und räuspert sich schließlich vernehmlich. "So!" sagt er. "Ich könnt' ja schon wieder."
"Ein Freund von mir" ist die erste gemeinsame Arbeit von Brühl und Vogel, die beide in Berlin bei der Schauspielagentur "Players" unter Vertrag stehen. Haben sie etwas voneinander gelernt in den gemeinsamen Wochen am Set? "Richtig gute Witze!" sagt Vogel, grinst und zieht sich die Seemannsmütze noch tiefer ins Gesicht. "Nee, im Ernst, ist schön, sich in den Szenen vertrauen zu können, ohne dieses gekünstelte Gefühl von Spiel zu haben." Daß Regisseur Schipper selbst ein ausgebildeter Schauspieler ist, halten beide für einen Vorteil: "Sebastian hat manchmal ein stärkeres Gefühl dafür, ob etwas verändert werden muß."
War "Absolute Giganten", Schippers erste Regiearbeit und Drehbuchrealisation für das Kino, vor allem eine Liebeserklärung an Hamburg, ist sein zweiter Film "Ein Freund von mir" (Filmstart: Herbst 2005) nun eine Hommage an "Non-Places", an Transiträume, Orte wie Autobahnen, die von irgendwoher kommen und nach irgendwohin führen, aber niemals einfach nur sind. "Ich bin sehr gern an solchen Orten", erklärt Schipper, und sein Atem formt eine weiße Frostwolke, "weil sich da der Moment auflöst." Dennoch sei "Ein Freund von mir" nicht etwa ein "Roadmovie", betont Schipper, "eher vielleicht ein ,Straßenfilm'". Eine feine Unterscheidung, die verdeutlicht, daß der Zuschauer hier keine amerikanisch romantisierte Geschichte zu erwarten hat, sondern eine deutsche Sinnsuche.
Von einem Regisseur übrigens, der gerade selbst ohne Führerschein unterwegs ist: Nachdem er mit seinem Roller in zwei Polizeikontrollen geriet und vor der zweiten flüchtete (weil er eigentlich schon nach der ersten nicht mehr hätte fahren dürfen), ist Schippers Lappen nun für ein ganzes Jahr weg. "War wohl nicht so schlau. Kann man nix machen", sagt Schipper, beendet den Drehtag, zieht den dicken, grünen Parka enger und die Mütze fest über die Ohren und stapft hinaus in die Nacht. Richtung Nordpol. Doch, ganz sicher, Richtung Nordpol.



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