13.01.05

Die Elite-Schule der Nazis

Napola: In ihren Nationalpolitischen Erziehungsanstalten wollten die Nazis Führungskräfte für die Zeit nach dem Endsieg heranbilden. Für viele Schülerwurde das zur traumatischen Erfahrung.

Von Matthias Gretzschel

Hamburg. Die Schüler wurden angebrüllt, schikaniert, erniedrigt und gedrillt, aber als Opfer fühlten sie sich nicht. Wenn gnadenlose Erzieher ihre Zöglinge durch den Dreck robben oder im eiskalten See schwimmen ließen, akzeptierten diese das als notwendig und sinnvoll. Jeder "Jungmann" wußte, daß Härte Erziehungsziel war und Drill der Weg dahin. Die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola), die im Mittelpunkt von Dennis Gansels Film "Napola - Elite für den Führer" steht, gehörte zu den Erziehungsinstituten, in denen die Nationalsozialisten eine neue Elite heranbilden wollten. Wer eine Napola besuchte, wußte, daß er dazu ausersehen war, als Herrenmensch einmal Schlüsselpositionen nicht etwa nur in Deutschland, sondern auch in den eroberten Ländern zu besetzen. "Solange die Wehrmacht siegte, wurde davon gefaselt, daß in unserer Schule Gauleiter für Kapstadt, Washington und Moskau ausgebildet würden", erinnert sich der Hamburger Literaturkritiker und Autor Hellmuth Karasek, der selbst im oberschlesischen Loben eine Napola besuchte, im Gespräch mit dem Abendblatt.

Eine der drei ersten Napolas wurde noch 1933 im schleswig-holsteinischen Plön gegründet. Es war, wie auch in den meisten anderen Fällen, keine Neugründung, sondern die Umwidmung einer ehemaligen preußischen Kadettenanstalt. Schon in den ersten Wochen gab es für Plön mehr als 1000 Anmeldungen. Auch in Potsdam und Köslin, den beiden anderen Erstgründungen, meldeten zahlreiche Eltern ihre Jungen an. Das Auswahlverfahren war hart und an eine ganze Reihe von Voraussetzungen gebunden. Dazu zählten "arische Abstammung, einwandfreie Charaktereigenschaften, Erbgesundheit, volle körperliche Leistungsfähigkeit, überdurchschnittliche geistige Begabung". Söhne "von alten und bewährten Kämpfern der Bewegung und von Frontkämpfern und Jungen aus kinderreichen Familien" sollten bevorzugt werden - allerdings nur bei gleicher Tauglichkeit. Das Schulgeld war gering, außerdem gab es zahlreiche Freistellen, wodurch auch Söhnen aus Arbeiter- oder Bauernfamilien der Schulbesuch ermöglicht werden sollte.

Individualität war in der Erziehung nicht gefragt, doch obwohl der Gemeinschaftsgedanke Vorrang hatte, ging es um das kompromißlose Einlernen des Führer- und Gefolgschaftsverhältnisses. "Als Stätten nationalpolitischer Gemeinschaftserziehung haben die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten die Aufgabe, durch eine besonders vielseitige, aber auch besonders harte, jahrelange Erziehung dem deutschen Volk Männer zur Verfügung zu stellen, die den Anforderungen gewachsen sind, die an die kommende Führergeneration gestellt wird", heißt es in einem Merkblatt.

Aber sicher war es nicht nur die Aussicht, einmal zur Führungselite des NS-Staates zu gehören, die die Napola für viele Jungen so attraktiv machte. Obwohl nach den übereinstimmenden Berichten bei vielen Schülern das Bewußtsein, einer Elite anzugehören, sehr ausgeprägt war, wirkte auch das konkurrenzlos vielseitige Ausbildungsangebot ungemein anziehend. So gab es Unterricht im Segelfliegen, Skifahren, Rudern, Motorradfahren, Fechten, Boxen, Kleinkaliberschießen, Reiten und in verschiedenen Handwerkstechniken.

Der insgesamt neunjährige Schulalltag war komplett militärisch durchorganisiert: Auf den fachlichen Unterricht am Vormittag (mit besonderer Betonung der "deutschkundlichen Fächer" Deutsch, Erdkunde, Geschichte und Biologie - auf Mathematik und Fremdsprachen wurde deutlich weniger Wert gelegt ) folgte am Nachmittag der "Dienst". Dabei handelt es sich um das Erledigen der Hausaufgaben, um Sport und Wehrsportübungen. Der Abendappell beendete den Tag.

Offiziell wurde die Kameradschaft hochgehalten, tatsächlich aber ein Gruppenzwang ausgeübt, dem Schwächere und Außenseiter regelmäßig zum Opfer fielen. Hellmuth Karasek erlebte am eigenen Leib, wie ein Erzieher ihn gegen seine Stubenkameraden ausspielte. "An einem Abend hatte ich meinen Schrank nicht so akkurat aufgeräumt, wie es der Vorschrift entsprach. Darauf wurde der gesamte Inhalt auf einen Haufen geworfen, und ich mußte alles neu einräumen. Erst als ich fertig war, durften meine Stubengenossen ins Bett gehen, was sie natürlich gegen mich aufbrachte." Karasek spricht in diesem Zusammenhang von "kollektivem Sadismus, der neben Schliff und Drill das eigentliche Lernziel der Napola" gewesen sei.

1942 gab es insgesamt 33 Napolas, 30 für Jungen und drei für Mädchen. Zusammen hatten sie etwa 6000 Schüler und stellten 1,5 Prozent aller Abiturienten. Der Anteil der Napola-Abgänger, die sich zur SS meldeten, war überdurchschnittlich hoch (13 Prozent gegenüber 1,8 Prozent im allgemeinen Durchschnitt). Eine große Zahl der gnadenlos auf den "Führer" eingeschworenen Napola-Zöglinge glaubten an den "Endsieg" und wurden noch in den letzten Kriegsmonaten im "Endkampf" sinnlos geopfert. Von denen, die überlebten, machten viele im Nachkriegsdeutschland Karriere.

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