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Kultur & Live

"Oblate ißt man nicht mit Mayo"

Dichtkunst: Robert Gernhardts satirische Verse haben den deutschen Humor revolutioniert. Abendblatt-Redakteurin Irene Jung sprach mit dem Meister.

ABENDBLATT: Die Satire-Zeitschrift "Titanic", 1979 von Ihnen mitgegründet, wurde in den 80ern berühmt für ihren respektlosen, parodistischen Ton. Der war damals was ganz Neues. Brauchte Deutschland eine Frechheits-Offensive?

ROBERT GERNHARDT: Es gibt solche merkwürdigen Begriffe wie "die Grenzen des guten Geschmacks" oder "die Gürtellinie". Nicht daß es solche Grenzen des guten Geschmacks nicht gäbe - das Fernsehen macht ja einiges vor, was an Geschmacklosigkeit nun wirklich nicht mehr zu überbieten ist. Aber diese Grenzen müssen von Zeit zu Zeit neu justiert werden. Wir wollten eben ausprobieren, ob sie ein bißchen weiter und anders gezogen werden können. Und wir haben die "Titanic" auch gemacht, weil wir in den öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht das sagen konnten, was wir sagen wollten.

ABENDBLATT: Sie haben u. a. jahrelang Beiträge für die Kolumne "Hans Mentz' Humorkritik" geschrieben. Wer hatte die Humorkritik nötiger, die CDU-Regierung oder die humorlose Linke?

GERNHARDT: Wir als Humorproduzenten hatten sie erst mal nötig. Und wir waren etwas unglücklich darüber, wie Komisches kritisiert wurde. Es hieß immer nur "Ich mußte mich totlachen" oder "Ich habe gegähnt". Wir wollten rauskriegen: Warum muß man überhaupt lachen? Was läuft falsch, wenn man nicht lachen muß?

ABENDBLATT: Sie sind Toskana-Kenner, haben dort ein Haus und 1987 sogar ein Theaterstück darüber geschrieben ("Die Toskana-Therapie"). Was wurde eigentlich aus der Toskana-Fraktion?

GERNHARDT: Die ist ein ganz merkwürdiges hybrides Gebilde. Lange nachdem ich mich dort mit anderen festgesetzt hatte, kam dieser Begriff für die genießenden SPD- und Grünen-Politiker auf, die einen guten Tropfen und das gute Leben zu schätzen wußten und sich nicht wirklich in die Parteiarbeit reinknieten. Dem Lafontaine wurde das nach der verlorenen Wahl gegen Kohl von einem Journalisten angedichtet, dabei hat Lafontaine mit der Toskana nie was zu tun gehabt. In der "Bild" hieß es später, "Schröder lebt toskanisch auf Nordseeinseln". Da war der Begriff schon völlig ausgefranst.

ABENDBLATT: Zum "Rheingau Literaturpreis", den Sie 2002 bekamen, gehörten neben 7700 Euro auch 111 Flaschen Wein. Was haben Sie mit denen gemacht?

GERNHARDT: Den hab ich ausgetrunken bei einem Selbstversuch. Das waren Weine unterschiedlicher Produzenten. Ich habe die Etiketten abgelöst, ein kleines Buch geführt und beim Kosten Noten vergeben. Da kann ich nachschlagen, wenn ich einen guten Rheingau-Riesling brauche.

ABENDBLATT: Solche Preise gewinnt man doch gern.

GERNHARDT: . . . ich habe auch mal den Literaturpreis der Stadt Schwäbisch Gmünd gewonnen, 4000 Euro in Essensgutscheinen. Die konnte ich innerhalb eines Jahres verknuspern, überall in Deutschland. Ich habe viele Freunde zum Essen eingeladen, soviel Geld kann ja niemand allein verfuttern.

ABENDBLATT: Ein ganz anderer, sarkastisch bis verzagter Gernhardt zeigt sich in Ihren "K-Gedichten". Darin haben Sie sich 2002 mit Ihrer Krebserkrankung auseinandergesetzt. War das für Sie eine Art Therapie?

GERNHARDT: Ich sehe es so: Wie kann man sich etwas vom Leibe halten, indem man dafür Worte oder Figuren findet? Ich habe viel Heine gelesen, die Gedichte, die er in Paris auf seinem Krankenbett, der berühmten "Matratzengruft", geschrieben hat. Er personifiziert immer wieder den Schmerz, die Parzen und der Kummer sitzen auf seinem Bett. Ohne die Gedichte schon zu kennen, habe ich das auch gemacht: "Frau Sorge trifft am Krankenbett / des Gernhardt den Herrn Kummer . . ." Wenn man sich das konkret vorstellt, gewinnt man einen anderen Blick auf sich und auf das, was einen bedrückt.

ABENDBLATT: In Ihren "Irak-Sonetten" für die ARD-Sendung "Druckfrisch" haben Sie 2003 wieder politisch ordentlich hingelangt. Warum Sonette?

GERNHARDT: Ich habe mir das selbst als Herausforderung verordnet. Das Sonett ist ein sehr erzieherisches Mittel, in 14 Zeilen muß alles gesagt sein, in den Sendungen hatte ich auch nur je anderthalb Minuten. Und ich wollte mich wehren gegen die massive Verbreitung von Unwahrheiten kurz vor Beginn des Irak-Kriegs. Wenn einem das so brachial und niveaulos zugemutet wird wie damals von der US-Regierung, dann kann man die Edelform des Sonetts auch mit kleinen Widerhaken versehen.

ABENDBLATT: Sie haben mehr als tausend Gedichte geschrieben. Wie kommt man eigentlich auf Verse wie "Paulus schrieb den Irokesen: Euch schreib ich nichts, lernt erst mal lesen"?

GERNHARDT: Darauf kommt man, wenn man als Kind in der evangelischen Jugend war und da solche Sprüche kennengelernt hat: "Paulus schrieb an die Epheser: Saufet alle Tage beßer."

Das hallte so nach, und ich habe das ausgedichtet mit Versen über die Apachen, die Komantschen und die Irokesen. Ich dachte, damit wäre die Sache weggedichtet. Aber dann hat ein Deutschlehrer das aufgegriffen und seine Klasse weiterdichten lassen.

Und es entstand zum Beispiel der Vers: "Paulus schrieb an die Navajo: / Oblate ißt man nicht mit Mayo." Ich sehe das gern, wie die Fackel weitergetragen wird.

 

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