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Kultur & Live

Die Internet-Detektive

Blogger: Der Skandal um Dan Rather, den großen alten Mann von CBS, ist beste Werbung für die Gegenöffentlichkeit im Internet

Washington. Jonathan Klein, der ehemalige Chef der Sendung "60 Minutes", hat für "Blogger" nur tiefste Verachtung. Für ihn sind sie "verantwortungslose Typen, die im Schlafanzug zu Hause vor dem Computer sitzen" und professionellen Journalisten das Leben schwer machen. Spätestens seit der Affäre um einen gefälschten Brief über die Wehrzeit des US-Präsidenten bei der Nationalgarde, den der bekannte CBS-Moderator Dan Rather am 8. September in "60 Minutes" präsentiert hatte, sind die "Blogger" in den USA Gesprächsthema. Denn es waren Computer-Freaks, die mit ihren im Internet geführten Logbüchern ("web logs") den Skandal aufdeckten. Noch während der Sendung schickten sie E-Mails, die das Corpus delicti als Fälschung entlarvten, da es auf einem Computer und nicht, wie behauptet, auf einer IBM-Kugelkopf-Maschine geschrieben worden sei.

Innerhalb von Stunden entwickelte sich unter "Bloggern" im ganzen Lande eine hitzige Diskussion, die zwei Tage später von den "MSM", den mainstream media (den großen, professionellen Medien), aufgegriffen wurde und zur Aufdeckung des Betruges führte. Selbst Journalisten, die "Bloggern" nicht gewogen sind, geben zu, dass man ohne die Internet-Detektive der Fälschung nicht so schnell auf die Spur gekommen wäre.

"Blogger" gibt es in den USA seit 1998. Seither hat die Zahl der Leute vehement zugenommen, die privat oder beruflich Medien kontrollieren, Propaganda für oder gegen eine Sache machen oder einfach ihre privaten Tagebücher im Web veröffentlichen. So schreibt "Blogger" Andrew Sullivan in "Time": "Vor zehn Jahren arbeitete ich als Redakteur für das Magazin ,The New Republic', das 100 000 Abonnenten hatte. Jetzt habe ich seit vier Jahren mein eigenes ,blog' (AndrewSullivan.com) mit 100 000 Lesern an einem einzigen Tag und mache auch noch einen kleinen Profit."

Die Aufdeckung der Fälschung bei "60 Minutes" hat für die Blogger-Welt einen ähnlichen Stellenwert, wie sie die Enthüllung des Watergate-Skandals für den US- Journalismus hatte. Der Fall Rather ist ein Meilenstein für die junge Mediensparte.

Tatsächlich macht der Nachweis einer Fälschung vermeintlich beweiskräftiger Dokumente den Demokraten und ihrem Präsidentschaftsbewerber John Kerry zu schaffen. Die Schriftstücke hatten beweisen sollen, dass George W. Bush durch gute Beziehungen vom Einsatz in Vietnam verschont und überdies auf Anweisung von oben eine ehrenhafte Entlassung aus der Nationalgarde bescheinigt wurde. Die Republikaner nutzten die Aufdeckung des CBS-Fehlers, um den Demokraten eine Kampagne gegen den Präsidenten vorzuwerfen. Als Folge ist die Zustimmung für Kerry unter den Wählern drastisch gefallen.

Das Geheimnis der "Blogger" ist, dass sie News schneller melden und darauf reagieren können als Presse, Funk und Fernsehen. Wenn sie recherchieren oder enthüllen wollen, finden sich schnell Tausende von Gleichgesinnten, während die professionellen Medien bestenfalls zwei oder drei Reporter abstellen können, die einer Geschichte nachgehen sollen.

Kritiker hingegen bemängeln den fehlenden journalistischen Professionalismus der vermeintlichen fünften Gewalt, die als eine Art Gegenöffentlichkeit auftritt. Darüber kann jemand wie John Hinderaker, der für den blog "Power Line" arbeitet, nur lachen. Der gelernte Techniker sagt: "Das kleine, dreckige Geheimnis des Journalismus ist die Tatsache, dass es nicht wirklich ein Beruf ist, sondern ein Handwerk. Man braucht eigentlich nur ein Telefon und ein Gewissen, und dann kanns losgehen."

Für die "Blogger", die jetzt erstmals bei den Wahlparteitagen der Demokraten und Republikaner als Medienvertreter zugelassen waren, spricht ihr Erfolg. Denn nicht nur bei "60 Minutes" leisteten sie hervorragende Recherche-Arbeit. Es waren letztendlich "Blogger", die Howell Raines, den Chefredakteur der "New York Times", im Zusammenhang mit dem Jayson-Blair-Skandal (Blair hatte zahlreiche Geschichten erfunden und publiziert) zu Fall brachten. Der in den USA bekannte Politiker Trent Lott stolperte über eine rassistische Bemerkung, die die MSM, die etablierten Medien, erst zur Kenntnis nahmen, nachdem sie in zahlreichen "blogs" erschienen war. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

"Blogs sorgen dafür, dass die ,MSM' genau unter die Lupe genommen werden, und das Wunderbare dabei ist, dass das System, das ,Blogger' geschaffen haben, völlig transparent ist", sagt Andrew Sullivan.

 

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