Das Lese-Futter
Nasch mal was für den Geist: Literatur-Snacks am Automaten
Hamburg. Literatur hat kein Verfallsdatum. Das ist ihr Vorteil beispielsweise gegenüber Schokocreme-Schnittchen. Die Schnittchen müssen gekühlt aufbewahrt werden, die Buchstaben nicht. Andererseits gibt es Momente, in denen man nach guten Texten ebenso unstillbaren Appetit verspürt wie nach süßem Naschwerk. Vielen ist es nicht bewusst, aber: Esser sind ja oftmals auch Leser. Hat schließlich beides mit Genuss zu tun. Und wenn einen der kleine Hunger bislang, sagen wir, auf S-Bahnhöfen anfiel, stand da schon geduldig der nächste Süßigkeiten-Automat und gab bereitwillig Yes-Törtchen, Schokoriegel oder in Plastik verschweißte Marmorkuchen.
Im Prinzip super. Aber leider kurzsichtig. Denn wer den Magen verwöhnt, sollte auch den Geist nicht zu kurz kommen lassen. Dachte sich auch Frank Maleu vom Berliner Mini-Verlag "SuKuLTuR" und stattete Kühl-Automaten deutschlandweit mit kleinen gelben Büchlein seiner Serie "Schöner Lesen" aus. Stückpreis: ein Euro. Futter für die Seele, der leckere Literatur-Snack für zwischendurch.
Dass seine Autoren (darunter der ehemalige "Spex"-Chefredakteur Dietmar Dath) nicht neben Grass oder Böll auf Leserschaft warten, sondern undercover zwischen Zwiebelringen und Weingummi, stört den Verleger nicht: "Thematisch und dem Umfang nach gehören wir in die Snack-Ecke." So viel Einsicht wünschte man zuweilen auch manchem seiner Kollegen.
1912 startete Reclam übrigens schon einmal den Versuch, auf diese Weise Bücher zu vertreiben: 2000 Automaten in Wartehallen, Cafes und Schwimmbädern stellte der Verlag auf. 1940 war Schluss. Nicht etwa, weil man damals neben dem "Faust" noch keine Capri-Sonne platzierte - die Inflation setzte dem Experiment ein Ende: Das ständige Umrüsten wurde zu teuer.
Geld nämlich hat im Gegensatz zur Literatur durchaus ein Verfallsdatum.



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