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Kultur & Live

Dreckiger Blues - bis die Gitarrenhälse brechen

Künstler, die am Anfang stehen, nehmen vieles auf sich, um ihren Lebenswunsch zu verwirklichen. Das Abendblatt stellt in einer Serie junge Menschen vor, die sich für die Kunst entschieden haben. Sie erzählen von Ängsten und Zweifeln, von Erfolgen und Sehnsüchten. In der siebten Folge berichtet Frehn Hawel, wie er seine erste Gitarre kaufte und Musiker wurde.

Meine erste Gitarre war eine Epiphone SG. Als ich sie gekauft habe, war ich schon 23 Jahre alt. Damals bin ich von Sasel nach St. Pauli gezogen. St. Pauli! Dort gab es tatsächlich Läden mit Instrumenten! Und Gitarren für 4000 Mark im Schaufenster. Aber eben auch billige wie das Modell, für das mein Geld reichte. Und irgendwie hatte sich ein Traum erfüllt.

The Jam war die erste Band, die mein Leben beeinflusst hat. Das war 1980, ich war 13 Jahre alt. Das englische Trio um den Gitarristen und Sänger Paul Weller nahm einen festen Platz in meinem Leben ein: die Rickenbacker-Gitarren, die Vox-Verstärker und die Songs, die so anders waren als das, was ich sonst gehört hatte. The Jam waren keine Superstars, ihre Musik war rau und greifbar, sie waren das Jetzt.

Gleichzeitig fielen mir an meiner Schule, dem Walddörfer-Gymnasium in Volksdorf, Typen auf, die dort in Anzügen rumliefen. Lehrer waren das nicht, warum trugen die Anzüge? Es waren Mods, eine britische Jugendbewegung, die es seit den 60er-Jahren gab. Zusammen mit der Entdeckung von The Jam war das wie ein Urknall für mich. Ich wurde kurz darauf wohl zum jüngsten Mod Hamburgs, komplett mit Parka und Anzügen. Mit 13 - sehr zum Befremden meiner Mutter. Der Traum von einer eigenen Band schien mir damals noch unerreichbar weit weg.

Musik hat bei mir zu Hause keine große Rolle gespielt und war in der Schule ein Problemfach. Ich konnte keine Noten lesen, Klassik interessierte mich nicht. Eine Fünf konnte ich nur vermeiden, indem ich ein ungefähr 95-seitiges Referat über die Beatles gehalten habe. An mangeldem Interesse meinerseits lag es sicher nicht, waren Bands wie The Jam oder The Who längst zu einer Ersatzreligion geworden.

Die Idee, selbst Musik zu machen, kam mir erst Anfang der 90er-Jahre in den Sinn, als Bands wie The Jesus And Mary Chain, Primal Scream, Ride und natürlich auch die beginnende Grunge-Welle mit Dinosaur Jr. deutlich machten, dass man kein King auf seinem Instrument sein muss, um sich auszudrücken. Das will ich auch - das muss raus, das muss hinzukriegen sein, dachte ich!

Und dann stand ich da mit meiner ersten Gitarre und ohne Idee, wie man die nun eigentlich spielt. Nach ein paar Gitarrenstunden mit Thomas Ritter (Musiker und heutiger Betreiber des Elbtonal-Labels) und Peter Burschs Gitarrenbuch habe ich dann aber gleich angefangen, in einer Noise-Rockband namens Automatic zu spielen. Dann kam der erste Auftritt im Jugendzentrum Stellingen. Der war zwar grausam, und ich hatte durch zu hartes Anschlagen meine Hand blutig gespielt - aber dennoch war es eine Initialzündung für mich. Machen - darauf kam es an.

Zu Hause habe ich mit meinen geringen Mitteln geübt wie ein Besessener und Songs geschrieben und meine eigene Band Lawnmover gegründet. Schon damals war klar, dass wir Musik nie nur aus reinem Spaß gemacht haben, sondern immer sehr ernsthaft an die Sache herangegangen sind - inklusive Schreiereien im Übungsraum oder nach miesen Auftritten. Unsere Sinnkrise kam, als Tocotronic explodierten. Das war neu und aufregend und hob sich durch die deutschen Texte von allen Bands unseres Umfelds ab. Wir fragten uns, ob es wirklich Relevanz hat, was wir machen. Denn wir klangen wie so ziemlich jede Band jener Zeit: leise/laut mit netten Gesangsmelodien. Fazit: Band aufgelöst.

Ich wollte etwas machen, was ich so noch nicht aus Hamburg kannte, und nach einem New-York-Besuch bekam ich eine immer konkretere Vorstellung davon: Blues, dreckig, gefährlich, abstrakt und urban, wie die Bands des New Yorker Undergrounds ihn spielten, aber eben auf unsere Weise. So entstand Tigerbeat. Wir sind 1998 relativ schnell nach der Gründung live aufgetreten, haben gute Resonanz bekommen, Demos aufgenommen und Größen wie Royal Trux begleitet und ohne Plattenvertrag oder Veröffentlichung auf der PopKomm gespielt. Mit einem Verlagsvorschuss nahmen wir eine erste EP mit fünf Songs auf, über die der unvergessene Kritiker Rocco Klein schrieb, dass "sich ein Monster zwischen Royal Trux und Jon Spencer erhebt, dessen Namen man sich wird merken müssen". Das war ein Ritterschlag. Es folgten eine Single für das Hamburger Label Fanboy, viele, viele Shows und Tourneen und bald darauf das erste Album "No. 1". Unser Bemühen, Streiten und Diskutieren, um einen Ansatz herauszuarbeiten, der so eigen ist wie möglich, hatte sich gelohnt. Die Platte bekam gute Kritiken, und die Tour lief ebenfalls gut. Nach neuen Demos sprach uns Ale Dumbsky von Buback Tonträger an, wir wurden uns schnell einig, und so erschien "13 Songs" dann Ende 2003 auf seinem Label.

Das zweite Album war ganz erfolgreich, die letzte Tournee lief gut, aber leben können wir immer noch nicht von unserer Musik. Vieles muss noch aus eigener Tasche gezahlt oder waghalsig finanziert werden. Live spielen bedeutet auch eine besondere Beanspruchung für die Instrumente: Gitarrenhälse brechen, Orgeln und Verstärker geben ihren Geist auf und müssen repariert werden. Immerhin können wir diese Reparaturen allmählich aus der Bandkasse zahlen und uns einen festen Soundtechniker und sogar einen Tourmanager leisten.

Nils Koppruch von der Hamburger Band Fink hat mal äußerst treffend gesagt: "Ich lebe nicht von, sondern mit der Musik." Das kann ich so unterschreiben. Ich arbeite seit zehn Jahren in der Konzertdirektion Karsten Jahnke und kenne das Geschäft dadurch von allen Seiten. Ohne das Verständnis und die Unterstützung, die ich seitens meiner Firma erhalte, wäre es gar nicht möglich, Job, Live- und Studiotermine unter einen Hut zu bringen. Aber der Job sichert nicht nur die Miete, sondern hilft nach langen Touren und der Tatsache, Abend für Abend im Mittelpunkt zu stehen, hinterher nicht in ein Loch zu fallen, sondern schnell wieder zu einem normalen Rhythmus zurückzufinden. Zudem kann man so als Künstler unabhängigere Entscheidungen treffen, wenn die Existenz nicht unmittelbar von "verkauften Einheiten" abhängt.

Im Frühjahr nächsten Jahres wollen wir für unser drittes Album ins Studio gehen. Mal sehen, wie die Platte laufen wird. Planbar ist der Erfolg ja nun mal nicht. Aber wir können uns zumindest nicht vorwerfen, nicht alles dafür zu tun, was in unserer Macht steht. Denn so ernsthaft wir die Musik auch angehen, ist es immer noch am wichtigsten, dass die Musik uns mit dem erfüllt, weswegen wir angefangen haben, sie zu machen. Denn das können keine Verkaufszahlen der Welt je ersetzen.

(aufgezeichnet von Heinrich Oehmsen)

 

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