Liebesgrüße aus Breslau
Schwarzes Heft: Carmen Korns neuer Krimi hat einen historischen Hintergrund.
Hamburg. "Nein", sagt Carmen Korn, als sie über ihre Kriminalerzählung "Liebesgrüße aus Breslau" spricht, "zu Breslau habe ich keine Verbindung." Sie habe eine Geschichte schreiben wollen, die auf dem Flohmarkt spielt. Schließlich geht sie selbst zwei- bis dreimal im Jahr auf den Flohmarkt. Als Händlerin.
Auch Telse, Carmen Korns Heldin, ist Flohmarkthändlerin in Hamburg. Gemeinsam mit ihrem Freund Tom, der Möbel aus Nachlässen ersteht, verdient sie sich so ihren Lebensunterhalt. Eines Tages findet sie einen alten Kleiderbügel in ihren Flohmarktsachen. Nichts Besonderes eigentlich, stünde nicht eine Adresse aus Breslau darauf. Bald darauf entdeckt sie eine alte kolorierte Postkarte, ebenfalls mit einer Breslauer Anschrift. Telse muss an ihren Vater denken, an Krieg und Not und daran, dass der Vater erzählt hat von Straßenkämpfen 1945 in Breslau, immer wieder, als wollte er sich einer Qual entledigen. Doch die perfide Inszenierung, die hinter diesen Fundstücken steckt, erkennen Telse und Tom erst spät. Etwas nähert sich Telse, etwas, das in einem Jahre zurückliegenden traumatischen Erlebnis seinen Ursprung hat.
Mit der Kriminalgeschichte "Liebesgrüße aus Breslau", die jetzt in der Abendblatt-Reihe "Schwarze Hefte" erschienen ist, geht Carmen Korn, Jahrgang 1952, wieder in die deutsche Vergangenheit zurück, wenngleich nur am Rande. Die Autorin, ausgezeichnet mit dem "Friedrich-Glauser-Preis" und dem "Marlowe" der Raymond-Chandler-Gesellschaft, hat sich in ihren früheren Geschichten ausführlich mit dem Holocaust befasst. "Die deutsche Vergangenheit hört nicht auf, mich zu beschäftigen", sagt sie, "und anders als Martin Walser glaube ich auch, dass man mit dieser Beschäftigung nicht aufhören darf." Carmen Korn hat ein sensibles Gespür für jene dunkle Zeit entwickelt, die nachwirkt bis in die Gegenwart - und in die Geschichten der Autorin.
Die einstige "Stern"-Redakteurin, die mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Uhlenhorst wohnt, entdeckt beim Schreiben mehr und mehr, wie sie "die so grauenvoll verheizte Generation unserer Väter" berührt. Das liegt auch in ihrer Familiengeschichte begründet. "Mein Vater war gerade 18 Jahre alt geworden, als er 1942 von seinem Klavier weggerissen wurde, um sich in Russland wiederzufinden. Stell dir vor", sagt Carmen Korn, "dies würde unseren Söhnen in sechs Jahren widerfahren." Auch so lebt Geschichte fort. Als immer währende Mahnung.



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