Filme, die das Leben schreibt
Künstler, die am Anfang stehen, nehmen vieles auf sich, um ihren Lebenswunsch zu verwirklichen. Das Abendblatt stellt in dieser Serie junge Menschen vor, die sich für die Kunst entschieden haben. Sie erzählen von ihren Ängsten und Zweifeln, von Erfolgen und Sehnsüchten. In der sechsten Folge berichtet Özgür Yildirim, wie er zum Filmemacher wurde.
Ich mache mich gerade auf den Weg nach Berlin. Dort werden heute Abend die First Steps Awards verliehen. Das ist ein Nachwuchspreis für Filme, und ich bin mit meiner Diplomarbeit in der Kategorie Kurz- und Animationsfilme bis 25 Minuten nominiert. Mein Film heißt "Alim Market" und ist eine Groteske aus dem türkisch-griechischen Milieu, spielt aber in Altona. Ich nehme darin das Thema Blutrache ein wenig auf die Schippe. Die Preisverleihung ist eine spannende Sache, denn derzeit ist meine berufliche Zukunft noch offen. Bis vor kurzem habe ich an der Universität bei Professor Hark Bohm studiert, der auch der Lehrer der ebenfalls in Berlin nominierten Ulrike Grote ist. Mein Diplom habe ich in der Tasche, Pläne für Filme genug im Kopf. Aber die müssen ja finanziert werden. Der Sieger bekommt heute immerhin 10 000 Euro.
Meine Name ist Yildirim, Özgür Yildirim. Ich bin als Sohn türkischer Eltern in Hamburg geboren. Bei uns zu Hause wurde nur türkisch gesprochen. Das hat mir in der Vorschule einige sprachliche Schwierigkeiten bereitet. Ich komme nicht aus einer künstlerischen Familie, auch wenn mein Vater, der heute Rentner ist, mal bei einem Fotografen in Istanbul gearbeitet hat.
Türkisch-deutsche Filmemacher sind seit Fatih Akins Erfolg bei der Berlinale ja sehr angesagt. Ich kenne ihn nur, weil er mal bei uns unterrichtet hat. Für mich ist das mit dem Türkisch- und dem Deutschsein etwas kompliziert: Wenn die Türkei gegen Deutschland Fußball spielt, bin ich für die Türken. Andererseits habe ich fast mein ganzes Leben hier verbracht und will auch weiter bleiben. Die neunte Schulklasse habe ich in der Türkei verbracht. Aber es klappte nicht. Damals war ich wohl zu jung, heute bin ich zu alt für einen Wechsel. Es liegt vielleicht auch an der Hautfarbe: Für einen Deutschen bin ich zu schwarz, für einen Türken zu hell.
Dass ich Geschichten erzählen will, weiß ich schon ziemlich lange. Mit elf Jahren habe ich damit begonnen, sie aufzuschreiben. Als ich 14 Jahre alt war, hatte ich schon handgeschrieben mehr als 400 Seiten. Es waren überwiegend Horrorgeschichten, denn ich bin ein großer Fan von Stephen King. Damals habe ich schon einen Verlag gesucht und auch gefunden. So kam es, dass ich als 14-Jähriger schon Autor war, auch wenn mein Buch "Graue Nächte" nicht wirklich weit herumgekommen ist.
Irgendwann habe ich dann mal den Horrorfilm "Tanz der Teufel" von Sam Raimi gesehen, der mich sehr beeindruckt hat. Fünf College-Freunde machen darin eine Menge durch. Mich hat die Freundschaft der Protagonisten fasziniert. Also habe ich auch mit zwei Freunden begonnen, Super-acht-Filme zu drehen - Komödien, Horrorgeschichten natürlich auch. Leider immer ohne Monster, denn wir hatten ja keine.
Danach habe ich einen Film in dem Stadtteil gedreht, aus dem ich komme: Dulsberg. "Hartes Blut" war ein 50-minütiges Gettodrama, das der Offene Kanal mehrfach gesendet hat, und das vom Jugendfilmfest "Abgedreht" zum "anspruchsvollsten Film des Jahres" gekürt wurde. Nach dem Abi und meinem Zivildienst habe ich mich mit meiner kurzen Liebeskomödie "Don Juan de Türko" beim Filmstudium beworben. Eigentlich werden dort nur Studenten aufgenommen, die schon eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben. Sie haben mich aber trotzdem genommen, wofür ich ihnen ziemlich dankbar bin.
Es gab da eine Menge zu lernen: wie man im Team arbeitet, wie man Verantwortung übernimmt und dass man alles, was man macht, mit Liebe angeht. Man bekommt auch eine Menge Regeln erklärt. Das ist manchmal nützlich, dann aber auch widersprüchlich, denn es gibt eigentlich keine Regeln für einen guten Film. Die eigenen Regeln sind wichtig, und alles, was gut ist, kann man machen, sonst bleibt man einer unter vielen.
Mal sehen, wie ich mich nach der Prüfung in der rauen Medienwirklichkeit bewähre. In zehn Jahren möchte ich eigentlich zehn Filme gemacht haben und alles erzählt haben, was ich jetzt erzählen möchte. Ich fahre jeden Tag mit der S-Bahn von der Haltestelle Alter Teichweg nach Altona. Da sieht man so viel - es kommen fast täglich neue Geschichten hinzu.
Jetzt bin ich 24 und habe das Studium abgeschlossen. Das ist natürlich schön, andererseits macht es mir ein bisschen Angst. Wenn ich in zwei Jahren immer noch in der gleichen Hose herumlaufe, muss ich mir wohl überlegen, ob ich aufs richtige Pferd gesetzt habe, obwohl ich immer davon überzeugt war, einmal Filmemacher zu werden. Sonst muss ich ausweichen. Ich zeichne gern Comics und mache viel Musik, vielleicht ließe sich das irgendwie versilbern. Andererseits schreibe ich gerade an dem Drehbuch zu einem langen Spielfilm.
Privat möchte ich gern meine Freundin heiraten und eine Tochter haben. Die hätte ich noch lieber als einen Sohn, denn wenn ich kleine Mädchen sehe, werde ich immer ganz weich und möchte ihnen alles kaufen.
Aufgezeichnet von: VOLKER BEHRENS













