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Kultur & Live

Anspruch oder Event?

Hafencity: Irritationen um die Kultur-Pläne für das Überseequartier

Hamburg. Während die Planung für eine Elbphilharmonie auf dem Kaispeicher A unter aufmerksamer Beachtung aus dem Rathaus rasant voranschreitet, ergeben sich rund um die kulturelle Prägung des Überseequartiers (ÜSQ), dem Herzstück der HafenCity, immer neue Fragen. In dessen Zentrum, am Magdeburger Hafen, soll eine "Maritime Erlebniswelt" (MEW) entstehen - an jener Stelle, an der sich die letzte Kultursenatorin einen "AquaDome" zurechtfantasiert hatte. Doch die scheinbare Ruhe täuscht, denn hinter den Kulissen werden momentan entscheidende Weichen für die Zukunft gestellt. Die Abgabefrist für das von der HafenCity-GmbH (HCH) betriebene Investorenauswahlverfahren, in dem sich vier Konsortien für die ÜSQ-Bebauung (und damit auch für die Errichtung der MEW) bewarben, lief Ende Juni ab.

Für Irritationen unter den Bewerbern sorgt jetzt ein Schreiben, das die Hamburger Beratungsfirma Wenzel Consulting im Auftrag der HCH verfasste. Daraus ergibt sich, dass die HCH ein standardisiertes Auswahlverfahren einleiten will, um Betreiber und Investoren für das Aquarium in der HafenCity zu gewinnen. In einem beigefügten "Letter of intent" sollten sie unter anderem Auskunft über die geplante Gesamtinvestition geben und verbindlich erklären: "Es besteht keine Bindung an einen der Bieter, die sich am Investorenauswahlverfahren für das ÜSQ beteiligen." Es scheint also, als ob die schon abgeschlossene Suche nach Gesamt-Investoren durch eine Art Parallelverfahren wieder eröffnet wird, bei dem die HCH - und nicht der Großinvestor - den Betreiber des Aquariums auswählen möchte. Eine HCH-Sprecherin erklärte: "Es gilt der Grundsatz, dass die ÜSQ-Investoren die Investition für das Aquarium sicherstellen müssen, aber der Betrieb an einen anderen Investor vergeben werden kann, wenn der ÜSQ-Investor diese Aufgabe nicht selbst übernehmen will." Ein erstaunliches Vorhaben, denn Investoren und Projektplaner suchen sich normalerweise gegenseitig selbst aus, anstatt sich von anderen verkuppeln zu lassen. Der ÜSQ-Investitionsumfang wird auf bis zu 1,2 Milliarden Euro geschätzt, allein die MEW auf rund 100 Millionen Euro.

In der Diskussion um Kultur in der HafenCity taucht unterdessen immer öfter ein in Hamburg weitgehend unbekannter Name auf: Xavier Bellprat. Bellprat, dessen Firma ihren Sitz in Winterthur hat, ist von der HCH beauftragt worden, in Zusammenarbeit mit Wenzel ein Konzept für die kulturelle ÜSQ-Nutzung zu liefern. Am Magdeburger Hafen soll ein "Dreiklang" aus Aquarium, Science-Center und Imax-Kino entstehen. Zu diesen Ideen sollten zukünftige Betreiber und Investoren Position beziehen - eine weitere Ungereimtheit, da die Bewerber ja gerade zur Umsetzung eigener Konzepte antreten und sich dies viel Geld kosten lassen wollen.

Was Bellprat (abgesehen vom Vertrauensvorschuss der HCH) für diese Aufgabe im Zentrum der größten innerstädtischen Baustelle Europas qualifiziert, ist fraglich. Seine Firma hat unter anderem Messestände für Autokonzerne gebaut. Für Wismar hat Bellprat jüngst das Freizeitpark-Konzept einer "Holz-Stadt" entworfen, das bis 2006 für 50 Millionen Euro realisiert werden und demnächst mit einem Justus-Frantz-Konzert musikalisch voreröffnet werden soll. Die Machbarkeitsstudie für Wismar wurde von Wenzel erstellt. Berechnungen von Wenzel hat eine andere Hansestadt ein akutes Problem zu verdanken - der unter Besucherschwund leidende Space Park in Bremen wurde in einer Wenzel-Studie schöngerechnet. Ein weiteres Wenzel-Projekt: der Umbau der ehemaligen Cargolifter-Halle im Brandenburgischen zu einem tropischen Freizeitpark. Wenzel prophezeit dort 2,4 Millionen Besucher jährlich.

Als Bellprat selbst am 7. Juli in einer "Hamburg 1"-Diskussionsrunde auftauchte, wurde er neben HCH-Chef Jürgen Bruns-Berentelg als eine Art Kultur-Mastermind für die HafenCity vorgestellt. Mit dabei war auch Kultursenatorin Karin von Welck, die Runde wurde durch den Marine-Sammler Peter Tamm komplettiert. Dort beschrieb Bellprat auch sein MEW-Konzept: Es soll eine "Halle des Meeres" geben, in der "Großphänomene" präsentiert werden - "Tsunamis, Hurrikane, alle paar Minuten bebt die Erde". Besucher sollten "durch einen Wasservorhang" eintreten, in ein "Science Center" mit "Phänobjekten" und "Labs mit Live-Kommunikation". Sowohl die Kultursenatorin als auch Bruns-Berentelg lauschten andächtig, als Bellprat seine Chaos-Theorie des Wassers am Beispiel eines Tropfens auf einem Spiegel in der "Hamburg 1"-Herrentoilette erläutern wollte. Wie Bellprat seine Ideen realisieren und finanzieren will, erklärte er nicht.

Bruns-Berentelg, auf Kultur in der HafenCity angesprochen, erwähnte historisch wertvolle Kaimauern und Kräne, aber mit keinem Wort die Elbphilharmonie, die doch nach Willen des Senats ein Motor und Leuchtturm der HafenCity werden soll. Genau dort, wo Bruns-Berentelg sich noch für den Neubau eines Medienzentrums einsetzte, als dessen Scheitern und Nicht-Bedarf längst offensichtlich war.

Die Motive für das Vorgehen der HCH erschließen sich möglicherweise aus den größeren Zusammenhängen: Zu den Kunden von Wenzel zählen auch die britischen Betreiber der Aquariums-Kette "Sea Life" (die auch das "Hamburg Dungeon" in der Speicherstadt errichtet haben). Weltweit gibt es mehrere solcher Ketten, die ein Konzept an Filial-Standorten wiederholen. Für die MEW waren bislang stets die Einmaligkeit sowie inhaltliche Verbindung von Thema und Ort betont worden. Ein weiterer Aspekt: die große Sorge des Tierparks Hagenbeck, durch eine HafenCity-Attraktion ins Hintertreffen zu geraten. Auch zwischen Wenzel und Hagenbeck soll es Geschäftsbeziehungen gegeben haben.

Möchte die HCH oder die Stadt eine Kombination aus Wissenschaft und Unterhaltung als maritime Erlebniswelt - oder bezweckt man mit dem Zweitverfahren Vorteile für eine event-orientierte "Nemobilie", die so oder etwas anders überall stehen könnte? Nach wessen Regeln wird gespielt, und welche Rolle darf dabei die Kulturbehörde spielen? Offene Fragen, die schnell geklärt gehören.

 

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