Menschen für die Kunst gewinnen
Künstler, die am Anfang stehen, nehmen vieles auf sich, um ihren Lebenswunsch zu verwirklichen. Wir stellen in einer Serie junge Menschen vor, die sich für die Kunst entschieden haben. In der fünften Folge berichtet Elena Winkel von ihrem Berufsanfang
Ich wurde katholisch erzogen. Vor 25 Jahren sollte ich zum ersten Mal beichten, als Vorbereitung für die Kommunion. Auf Abruf fiel mir nichts ein, und ich improvisierte: "Ich habe meine Mutter belogen." Und heute, da mich das Abendblatt um die Niederschrift meiner Wünsche, Zweifel, Ängste und Nöte gebeten hat, regt sich in mir wieder dieses katholische Gefühl. Ich will es versuchen und aufrichtig zu meinem medialen Beichtvater sein.
Ob ich es hätte studieren sollen? Kulturmanagement. Ich habe es nicht getan, obwohl ich genau das bin: eine, die Künstlerinnen und Künstler zusammenbringt, Ausstellungen organisiert, Sponsoren ausfindig macht und immer wieder Kontakte aufbaut. Studiert aber habe ich Kunstgeschichte, und das mit Leidenschaft. In der Ordnung der Vergangenheit, bei El Greco, den Mystikern und der Gegenreformation fühlte ich mich am wohlsten. Gut vorbereitet also für einen Gang durch die musealen Institutionen. Über zeitgenössische Kunst war ich damals so wenig informiert wie über effektives Marketing. Heute weiß ich: Geld und Kunst sind ein gutes Paar. Die romantische Verklärung vom Erfindungsreichtum der Armut und von der Freiheit der Kunst finde ich albern.
Ende meines Studiums in Kiel: Eine Recherche bringt mich nach Madrid. Dort besuche ich die Kunstmesse arco und bewerbe mich mit Erfolg bei TRANS, einer Kunstzeitschrift in New York. Schöne, kluge Menschen, die unentwegt miteinander über concept art streiten, sind meine erste Begegnung mit zeitgenössischer Kunst. Als ich später eine dreijährige Arbeit bei der Hamburger Galerie Dörrie*Priess beginne, steigt die Gewissheit in mir: Hier hast du deinen Platz gefunden, hier im aktiven Umgang mit zeitgenössischer Kunst.
Wenn ich heute Ausstellungen organisiere, frage ich mich allerdings oft, wofür ich denn studiert habe. Eigentlich bin ich eine Telefonistin, die Terminkalender mehrerer Menschen miteinander abgleicht und Dinge von A nach B befördert. Und anstatt über den Sinn dieser Dinge nachzudenken, sortiere ich die Quittungen, die sie verursachen.
Dann gibt es Lichtblicke wie zum Beispiel die mehrwöchige Ausstellungsreihe, die ich gemeinsam mit dem Geschäftsführer vom Elektrohaus Berndt Jasper organisiert habe. Schauplatz war die "Hamburger Botschaft", ein Haus für neue Kunst, Video und Musik. Das Beste daran war die Eigendynamik, die sich schon nach kurzer Zeit durch die Zusammenarbeit der Künstler Peter Goi, Holger Langer und Tobias Regensburger entfaltete und mich zusehends zum Gast meiner eigenen Veranstaltung werden ließ.
Ein anderes Beispiel: die Hamburger Kunstmesse "index", die ich zusammen mit Angela Schlösser vor drei Jahren aus der Taufe hob. Dank der guten Zusammenarbeit mit den Künstlern und dem Publikum rechnet sich das Unternehmen mittlerweile wirtschaftlich. Wir wollten die Öffentlichkeit auf die hohe Qualität der aktuellen Kunst in Hamburg aufmerksam machen, und das ist uns wohl gelungen.
Wo ich heute stehe? Finanziell habe ich mir zwar ein Standbein aufgebaut, aber eben nur eines. Noch bin ich auf die Unterstützung meiner Familie angewiesen. Umso mehr ärgert es mich, wenn schlecht beratene Unternehmen ihr Geld verschwenden und Künstler zur Verzierung ihres Firmenlogos missbrauchen, anstatt Mut und Vertrauen in deren Projekte zu investieren.
Darin sehe ich auch meine weitere Zukunft als Kuratorin: Menschen der Kunst zu gewinnen. So wartet in der Schublade das vollständige Konzept für ein Videofestival, das Hamburg als Medienstadt gut stehen würde. Mit internationalen Beiträgen von Künstlerinnen und Künstlern, die noch weitgehend unbekannt sind.
Denn bis auf den Einsatz, den die Galerien in der Admiralitätstraße leisten, wird in Hamburg überwiegend Kunst gezeigt, die sich in anderen Städten schon durchgesetzt hat. Das möchte ich ändern. Und die Galerien und Kunsträume, die in den letzten Jahren um St. Pauli und in Harburg entstanden sind, beweisen, dass sich etwas regt.
(Aufgezeichnet von Wolf Jahn)



Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




